Lesezeit 30 Min
Fernweh

Heidi ade

Klimawandel, Landflucht und Massentourismus setzen den Alpen zu. Zugleich suchen Forscher wie Einheimische nach Lösungen, überall entsteht Neues, die Berge als Zukunftslabor. So kann das wilde Herz Europas bleiben, was es ist: Seelenheimat.

DER SPIEGEL
von
Hilmar Schmundt
Lesezeit 30 Min
Fernweh

Jäh ragt der Berg himmelwärts, fast senkrecht die Wand, ein eisiger Wind faucht über das Matterhorn.

Vier Uhr in der Nacht. Plötzlich Lichter und Stimmen, Stiefel knirschen, Karabiner klimpern – Bergsteiger stapfen empor über vereistes Geröll, eine ganze Kolonne schlängelt sich den Pfad empor. Sie erreichen den Einstieg. Hier am Hörnligrat wird es ernst, sie schlagen Knoten ins Seil und kontrollieren die Gurtschnallen.

Immer mehr Männer und Frauen kommen den Berg hoch, mehrere Dutzend sind es, sie stehen an, bis sie an der Reihe sind. Halblaut murmeln sie Anweisungen auf Russisch, Englisch, Deutsch.

Für Masayuki Kikushima aus Tokio ist dies der Höhepunkt seiner Europareise. Schon seine Grundschullehrerin hatte ihm von Schönheit und Schrecken des Matterhorns erzählt, von der ersten Besteigung des 4478 Meter hohen Berges. Es war ein Wettrennen zweier Seilschaften im Juli 1865: Von Süden erklommen Italiener den Liongrat, von Norden ein Team aus vier Briten und drei Bergführern den Hörnligrat. Die Mannschaft um den Briten Edward Whymper erreichte den Gipfel zuerst, aber der Abstieg war schwieriger als der Aufstieg, wie so oft. Eine steile Felspassage überforderte den Jüngsten von ihnen, einen 19-Jährigen mit glatten Lederstiefelchen. Der Junge rutschte aus, zog drei weitere mit, das Seil riss, lautlos verschwanden die Männer im Nichts.

Triumph und Absturz, nirgends liegen sie so dicht beisammen wie hier, an dieser Kathedrale aus Fels, die den Aufstieg und die Abgründe des modernen Alpentourismus markiert.

Dort hinauf will nun Masayuki Kikushima. Die Besteigung mit Bergführer kostet etwa 1200 Schweizer Franken. Der Preis schreckt den Manager aus Tokio nicht. Doch selbst mit bester Ausrüstung bleibt ein Restrisiko. Mehr als 500 Menschen sind seit dem Absturz der Briten am Horn umgekommen.

Die Warteschlange rückt auf, schließlich ist Kikushima dran. Er ruckelt seinen Helm zurecht, dann verschwindet er nach oben ins Nichts, den anderen Stirnlampen nach, ein zitternder Lichtfleck an der schwarzen Silhouette, Teil einer postreligiösen Prozession zur "Eroberung des Unnützen", wie es der französische Bergsteiger Lionel Terray einst nannte.

Am Fuß des Berges liegt Zermatt. Vor 200 Jahren standen hier ein paar windschiefe Holzhäuser, der Ort war bitterarm. Das tödliche Rennen zum Gipfel machte das Bergdorf berühmt. Heute ist das Matterhorn eine Weltmarke, es ziert Käse, Joghurt, Schnaps, Zigaretten und natürlich die Toblerone.

Aber die weiße Zipfelmütze auf dem Gipfel schrumpft; der Berg bröckelt. Denn durch den Klimawandel taut der Permafrost, immer wieder kommt es zu Hangrutschen und Steinschlag, besonders spektakulär im Jahr 2003. Rund 70 Bergsteiger waren gefangen, blockiert, sie trauten sich keinen Schritt vor oder zurück. Hubschrauber mussten sie retten.

Das Horn ist die berühmteste Spitze der Alpen, jenes geheimnisvollen Herzens Europas, das sich wie ein Bogen 1200 Kilometer vom zerklüfteten Triglav in Slowenien bis zum Strand von Nizza zieht – Resultat einer Kollision Afrikas und Europas, die bis heute im Gange ist.

Rund 500 Millionen Übernachtungen verzeichnen die Alpen pro Jahr. Was lockt die Menschen?

Grüne Wiesen, würzige Luft, eisige Höhen und ein unverdorbenes Leben. So bewerben Kinospots die Alpen als heilsames Gegenmittel zu Stress, Hektik und Veränderung drunten in den versmogten Städten. Angesprochen wird eine fast kindlich-romantische Naturverbundenheit. "Die Gebirge sind stumme Meister", schrieb Goethe, "und machen schweigsame Schüler."

Vor allem auf Flachlandbewohner wirken die Alpen wie eine archaische Trutzburg gegen die Zumutungen der Moderne, frei nach dem frommen Liedtext: "Hebe deine Augen auf zu den Bergen / Von welchen dir Hilfe kommt."

Dabei ist es genau umgekehrt. Die Probleme des Kontinents werden in den Bergen nicht abgefedert und gemildert, sondern verstärkt: Klimawandel, Überalterung, Landflucht, Verwilderung, Verkehr zeigen sich und wirken oben viel stärker als unten.

Viele Städter bekommen vom Umbau kaum etwas mit, obwohl eine…

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Nr. 33/2017