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Gut gelaufen

Nur der Mensch geht spazieren, ohne Zweck, ohne Ziel. Warum eigentlich? Stadtrundgang mit einem Promenadologen.

JOANNA NOTTEBROCK / DER SPIEGEL
von
Julia Koch
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Martin Schmitz steht auf einer kleinen Verkehrsinsel. Hinter ihm rauschen auf vier Spuren Autos in die City und heraus, vor ihm zweigt eine Seitenstraße von der großen Achse ab. Über einen Zebrastreifen könnte er sie jetzt überqueren.

Aber Schmitz bleibt stehen, was viele Autofahrer aus dem Konzept bringt. Geht er, oder geht er nicht? Können sie weiterfahren, oder wird der Herr mit dem wehenden Weißhaar just dann auf die Straße treten? Sie bremsen, zögern, geben wieder Gas. Dass jemand am Bordstein herumsteht und redet, mitten im Mittwochnachmittagsverkehr, passt nicht ins Bild; dieser Fußgänger irritiert.

Gerade das gefällt Martin Schmitz. Er unterrichtet Spaziergangswissenschaft am Fachbereich Produktdesign der Kunsthochschule Kassel, und hier, am Brüder-Grimm-Platz, Ecke Friedrichsstraße, erzählt er, wie er mit seinen Studenten manchmal Autofahrer quält; er muss ziemlich laut sprechen. "Einmal haben wir ein Ticket gezogen und dann einen Tisch und Stühle auf einen Parkplatz gestellt", sagt er. "Da wurden viele richtig wütend. Aber wir hatten ja bezahlt."

Schmitz ist Architekt und Stadtplaner, er betreibt einen kleinen Verlag, und dass sein Fach belächelt wird, überrascht ihn nicht. Wie sich Stadt und Verkehr auf den Menschen auswirken, das hat ihn schon interessiert, als die "autokonforme Innenstadt" noch Hauptziel aller Planer war. "Laberarchitekten" wurden er und seine Mitstreiter damals genannt. Heute noch muss die Promenadologie, für…

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Nr. 24/2018