Lesezeit 21 Min
Gesellschaft

Grenzgänger

Eine Reise in den Osten des Kontinents. Fünfte Etappe: die Krim.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
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Gesellschaft

Kermanis Reise (V) Im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte der SPIEGEL eine vierteilige Reportage des Kölner Schriftstellers Navid Kermani über seine Exkursion in den Osten Europas. Sie begann in Schwerin und führte bis in die Ukraine. Im Januar nun setzte er seine Expedition entlang des Risses fort, der sich dort zwischen Ost und West auftut: von der Krim bis in den Kaukasus.

Erster Tag

Als ich nach der Landung das Handy anschalte, habe ich keinen Empfang. So sieht es also aus, wenn man ein Territorium betritt, das für die Internationale Gemeinschaft illegal ist: Man kann mit einer ausländischen SIM-Karte nicht einmal gegen Roaminggebühren telefonieren. Auch die Kreditkarten funktionieren nicht, stellt sich an der Rezeption des Hotels heraus. Die Nummernschilder sind bis auf wenige Ausnahmen alle bereits russisch, nur dass bei einigen der alte tatarische Name auf der Plastikumrahmung steht: Qırım. Einzelne Autos haben noch ukrainische Kennzeichen, obwohl die Frist zum Austausch, mehrfach verlängert, längst abgelaufen ist.

Schon die Anreise von Odessa aus war kompliziert. Statt in den Kleinbus zu steigen, der mehrmals täglich auf die Krim fährt, nahm ich ein Taxi zum Flughafen. Für Ausländer ist die Passage gesperrt. Mit einer besonderen Genehmigung für Berichterstatter hätte ich sie womöglich passieren können, aber den Antrag hätte ich 500 Kilometer entfernt in Kiew stellen müssen; und wenn mir die Genehmigung erteilt worden wäre, hätte ich mich verpflichten müssen, über den gleichen Übergang zurückzukehren. Wäre ich trotzdem nach Russland weitergereist, hätte nicht nur ich, sondern hätten auch andere Kollegen des SPIEGEL bei der nächsten Einreise in die Ukraine Schwierigkeiten bekommen, da die Redaktion damit aus Sicht Kiews die abgebauten Grenzzäune und damit die Annexion legitimiert hätte. Die einzige Möglichkeit, auf die Krim zu gelangen, obwohl sie von Odessa nur einen Katzensprung entfernt liegt, war der Flug über Moskau, Luftlinie tausend Kilometer hin, tausend Kilometer zurück. Und Direktflüge gibt es seit dem Krieg nicht mehr.

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Stadtansicht von Simferopol

Von den Gesprächen mit Bekannten und Kollegen, die ich während des Zwischenstopps in Moskau traf, blieben mir vor allem drei Bemerkungen im Gedächtnis. Ein deutscher Fernsehreporter erwähnte, dass er Menschenrechtsthemen kaum unterbringe, weil die Redakteure keine Lust mehr auf die Zuschauerproteste hätten, die es jedes Mal hagele, und die Beschwerden beim Rundfunkrat; die neuen Fahrradwege in der Moskauer Innenstadt würden hingegen gern gekauft, überhaupt alle "weichen" Themen. Ein langjähriger Zeitungskorrespondent erinnerte sich, dass in der Sowjetunion niemand die Propaganda ernst genommen habe, nicht einmal die Funktionäre selbst, die mindestens mit einem…

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Nr. 7/2017