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Wirtschaft

Gestern Gold, heute Dreck

Braunkohle beschädigt die deutschen Klimaziele, überflutet die Netze mit billigem Strom und verhindert so, dass sich Wind- und Solarkraft durchsetzen. Ein rascher Ausstieg wäre sinnvoll – kostet aber Milliarden und könnte der AfD nutzen.

DAVID KLAMMER / DER SPIEGEL
von
Benedikt Becker
,
Frank Dohmen
,
Gerald Traufetter
und
Steffen Winter
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Wirtschaft

Wenn Lars Zimmer durch sein Dorf läuft, dann kann er sich kaum orientieren. Die Bäckerei, die Kneipe, die Straßenschilder – sie sind weg. Geblieben sind nur noch die Wege, riesige Freiflächen und, mittendrin, der "Dom von Immerath", die katholische Pfarrkirche, von deren Türmen sie neulich die Kreuze abmontiert haben.

"Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wo die Häuser standen", sagt der 45-jährige Familienvater: "Es fehlen einfach die Bezugspunkte."

Da ist nicht viel übrig von Immerath, dem Ort, in dem Zimmer seit seiner Kindheit lebt. Das Dorf, zwischen Düsseldorf und Aachen gelegen, hatte mal 1500 Einwohner. Heute sind es noch etwa 20. Lars Zimmer harrt aus, bis die Bagger des Stromgiganten RWE den Ort erreichen und Immerath endgültig dem Braunkohletagebau Garzweiler II weichen muss: "Das ist meine Art, dagegen zu protestieren."

Seit Jahren fressen sich die gewaltigen Schaufelradbagger aus Süden kommend Richtung Mönchengladbach. Sie folgen Kohleflözen, die nahe der Oberfläche verlaufen. Wälder, Äcker, Bauernhöfe und Dörfer fallen den Maschinen zum Opfer. Alles, was stört, wird abgerissen, umgesiedelt und anderswo neu aufgebaut.

Zimmer ist so etwas wie das öffentliche Gesicht für die Entsiedelung seiner Heimat geworden. Selbst Reporter aus dem Ausland haben ihn interviewt und gefilmt auf seinem Gang durch das Geisterdorf. Und im Mai bekam der Mann mit dem schmalen, kahl rasierten Kopf hohen Besuch aus Berlin.

Grünen-Spitzenkandidatin…

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Nr. 47/2017