Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Geschichte seines Volkes

Der Schriftsteller Navid Kermani unterwegs in den Außenbezirken des Kontinents: von Baku nach Eriwan. Dort trifft er einen Überlebenden des Genozids an den Armeniern.

NAZIK ARMENAKYAN / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
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Gesellschaft

Achter Tag

Wenn mich Sabina Schichlinskaja nicht darauf hinweisen würde, fielen mir die modernen Fassaden nicht auf, mit denen in Baku die sowjetische Architektur an den zentralen Stellen überdeckt wird. In der staatlichen Erinnerungspolitik beginnt die Geschichte des modernen Aserbaidschan weder mit der Demokratie von 1918 noch mit der Sozialistischen Sowjetrepublik 1920 oder der erneuten Unabhängigkeit 1991, sondern erst 1993 mit der Wahl Gejdar Alijews zum Staatspräsidenten. 14 Jahre nach seinem Tod hängt sein Bild großflächig überall im Land, als regierte er noch. Sein Sohn Ilcham, der seit 2003 die Wahlen mit sowjetischen Ergebnissen gewinnt, ist mit Pausbäckchen und Doppelkinn deutlich weniger fotogen.

Während die sowjetischen Kriegsdenkmäler fast alle abgebaut sind, ist die Gedenkstätte des Krieges gegen Armenien so weiträumig, dass man meinen könnte, jeder einzelne Tote werde geehrt. Dabei gehört es zu den bedeutendsten Leistungen Gejdar Alijews, dass er mit dem Waffenstillstand von 1994 zumindest das tägliche Sterben beendet, damit seinem Land so etwas wie Normalität beschert hat, eine ganz normale Autokratie.

Vom Hügel aus, auf dem die Gedenkstätte steht, ist die Insel Nargin zu erkennen, die sowohl unter den Zaren als auch in der Sowjetunion ein Gefängnis wie Alcatraz oder das Château d'If war. Im Ersten Weltkrieg wurden mehrere Tausend türkische Soldaten, die von der russischen Armee gefangen genommen worden waren, auf der Insel festgehalten und kamen dort zu Tode. Seit die Sowjetunion kollabiert ist, stand die Insel leer.

Navid Kermani

Kermani, 50, ist Autor, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und lebt in Köln. Bislang hat der SPIEGEL acht Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Vier weitere werden in den nächsten Wochen folgen. Seine Reise endet im iranischen Isfahan, der Heimat seiner Eltern. Ende Januar erscheint Kermanis Reisetagebuch auch im Verlag C. H. Beck ("Entlang den Gräben").

Sabina kennt die Geschichte so genau, weil sie für ein Kunstprojekt 2004 eine Woche lang heimlich auf der Insel gelebt hat. Nun sind ihre Aufnahmen historisch, denn vor drei Jahren wurden sämtliche Gebäude abgerissen und die Hinterlassenschaften des Gefängnisses beseitigt, damit aus der Insel ein Vergnügungspark wird. Der ist dann doch nicht gebaut worden: Die Türkei, Aserbaidschans…

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Nr. 1/2018