Lesezeit 15 Min
Verbrechen

Gemeinsam tödlich

Was steckt hinter den Quälereien im Horrorhaus von Höxter? Eine kranke Paarbeziehung, sagt die Gutachterin – und die sadistische Kreativität einer Frau.

HELENA LEA MANHARTSBERGER / DER SPIEGEL
von
Beate Lakotta
Lesezeit 15 Min
Verbrechen

Zwei Tage lang hören sie aufmerksam zu, der Mann, den die Boulevardpresse "Folterbestie" getauft hat, und die Frau, der er Nase und Kiefer gebrochen haben soll, die er gedemütigt und geprügelt haben soll, bis sie bereit gewesen sei, sein höriges Werkzeug zu werden, sein Folterknecht. Zwei Tage, dann hat die psychiatrische Gutachterin im Landgericht Paderborn die klassische Rollenverteilung, wie die Anklageschrift sie nahelegt, auf den Kopf gestellt: der Mann als treibende Kraft und die Frau als sein Opfer und zugleich höriges Werkzeug – so sei es nicht gewesen, sagt Nahlah Saimeh an Tag 50 des Prozesses.

Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika, 48 und 49 Jahre alt, sollen in ihrem Haus in Höxter-Bosseborn über Jahre zahlreiche Frauen mit Annoncen angelockt, eingesperrt und nach einem System aus abstrusen Verhaltensregeln und perfiden Strafen gequält haben. Aber wer war die treibende Kraft hinter den Quälereien?

17 Jahre lang hielt ihre Beziehung; geschieden waren sie nur auf dem Papier, heute beschuldigen sie sich gegenseitig. Er sei unschuldig, beteuert Wilfried W., "Angelika war das Monster". – "Ich habe geschlagen, damit ich nicht geschlagen werde", auf diese schlichte Formel hatte es Angelika W. bei der Polizei gebracht. Wenn andere Frauen im Haus gewesen seien, habe sie vor ihm ihre Ruhe gehabt.

Der Gutachterin legte Angelika W. eine Liste mit 60 Misshandlungsarten vor: Haare ausreißen, schlagen, treten, verbrühen, an die Heizung ketten. Vier Opfer nennt die Anklageschrift, zwei von ihnen, Anika W., 33, und Susanne F., 41, starben entkräftet durch das Martyrium.

Wilfried und Angelika W. schauten ihnen dabei zu, dokumentierten Folterspuren auf Fotos und Videos, anstatt Hilfe zu holen. Dafür müssen sie sich seit Oktober 2016 vor dem Landgericht Paderborn verantworten, angeklagt wegen zweifachen Mordes durch Unterlassen.

Im April 2016 war das Paar aufgeflogen, eine Autopanne mit der tödlich geschwächten Susanne F. auf dem Rücksitz. Notgedrungen holte es den Krankenwagen.

Wilfried W. sei es auf Kontrolle über die Frauen angekommen, so…

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Nr. 28/2018