Lesezeit 17 Min
Philosophie

„Geht hin und tut Gutes“

Was kann jeder leisten, um die Welt und die Lebensbedingungen der Ärmsten zu verbessern? Der australische Philosoph Peter Singer gibt die Anleitung dazu.

ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL
von
Romain Leick
Lesezeit 17 Min
Philosophie

Singer, 69, ist einer der international bekanntesten und zugleich umstrittensten Philosophen unserer Zeit. In seinem neuen Buch plädiert er für die moralische Pflicht zu einem "effektiven Altruismus": Die Menschen in den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt sollten einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens an Hilfsorganisationen spenden, die das Leiden und Sterben in der Dritten Welt bekämpfen ("The Most Good You Can Do. How Effective Altruism Is Changing Ideas About Living Ethically"; Yale University Press).

Der "effektive Altruismus" erfordert eine rationale, gänzlich unsentimentale Sicht auf Mitleid, Barmherzigkeit und karitatives Engagement. Es kommt Singer darauf an, den Kosten-Nutzen-Effekt so zu optimieren, dass mit den vorhandenen Mitteln möglichst viele Leute gerettet und das Wohlergehen der größtmöglichen Zahl von Menschen gesteigert werden könne. Nicht das Gefühl, sondern die Vernunft sollte unser ethisches Verhalten leiten.

Singer, der 1946 in Melbourne als Sohn nach Australien ausgewanderter Wiener Juden geboren wurde, provoziert seit vielen Jahren immer wieder mit seinen Thesen zu Schwangerschaftsabbrüchen, der Tötung schwerstbehinderter Neugeborener und aktiver Sterbehilfe - die er für ethisch gerechtfertigt hält, wenn keine Aussicht auf die Entwicklung oder Fortführung eines Lebens mit personalem Bewusstsein besteht.

In Deutschland wurden deshalb Diskussionsveranstaltungen mit und über Singer gestört und verhindert. Zuletzt luden die Veranstalter des Kölner Philosophie-Festivals "phil.Cologne" den in Princeton lehrenden Professor aus Angst vor öffentlichen Protesten aus.

SPIEGEL: Herr Singer, was erfordert es heute, ein ethisch korrektes Leben zu führen?

Singer: In der Welt, in der wir leben, reicht es nicht, die Gesetze und die üblichen Gebote einzuhalten, wie: Du sollst nicht töten, du sollst anderen kein Leid zufügen, du sollst nicht stehlen und betrügen. Das ist nicht genug.

SPIEGEL: Das wäre immerhin schon eine ganze Menge.

Singer: Aber eben nicht genug für diejenigen von uns, die das große Glück haben, in einem wohlhabenden Land mit materiellem Komfort zu leben, die sich selbst und ihre Familien ernähren, behausen und bekleiden können und dennoch Geld und Zeit übrig haben.

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Nr. 32/2015