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Wirtschaft

Gegen die Wand

Die Athener Regierung hat die letzten Sympathien in Brüssel verspielt. Die Geldgeber streiten, wie der wirtschaftliche Kollaps des Landes vermieden werden kann.

DER SPIEGEL
von
Peter Müller
,
Alexander Neubacher
,
René Pfister
,
Christian Reiermann
,
Michael Sauga
und
Christoph Schult
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Wirtschaft

Das Dokument, das es nicht geben darf, verbirgt sich hinter einer grauen Tresortür mit schwarzem Zahlenschloss. Es ist rund tausend Seiten dick, lagert im Präsidententrakt der Brüsseler EU-Kommision und enthält die Pläne für einen Fall, den die europäischen Verträge nicht vorsehen: die Pleite eines Eurolandes samt Ausstieg aus der Währungsunion.

Kommissionschef Jean-Claude Juncker und sein wichtigster Berater Martin Selmayr haben neulich mal nachgesehen, ob das Papier noch da ist. Sie öffneten die schwere Klappe und sahen: Gott sei Dank, da liegt es noch. Ohne es zu lesen, legten sie es zurück. Das Szenario für den Grexit, verriet Juncker beim Griechenlandgipfel am vergangenen Dienstag, sei "im Detail ausgearbeitet".

Gut möglich, dass aus den Planspielen Wirklichkeit wird, vielleicht früher, vielleicht später. Noch einmal haben die Euroretter dem griechischen Premier Alexis Tsipras eine letzte Frist gesetzt, noch einmal wird in Brüssel nächtelang über Reformlisten und Rettungskredite diskutiert.

Doch spätestens, seit am vergangenen Wochenende knapp zwei Drittel der Griechen bei ihrem Referendum gegen die europäische "Erpressung und Demütigung" (Tsipras) gestimmt haben, ist klar: Für eine gemeinsame Politik gibt es kaum noch eine Basis. Griechenland und die Euroretter – das passt inzwischen so gut zusammen wie Göttervater Zeus und die Titanen.

Für die Griechen sind Brüssel, Merkel und die Währungsunion heute gleichbedeutend mit Armut und Ausbeutung. Für die meisten Regierungschefs der Euroländer wiederum ist die kleine Nation am Rande Europas ein gescheiterter Staat, der von Vetternwirtschaft und Klientelismus regiert wird und außer Oliven und Strandbars wirtschaftlich nicht viel anzubieten hat.

Das war schon vor gut fünf Jahren so, als die Athener Regierung mit ihrem Eingeständnis, dreimal so viel Schulden zu machen wie zuvor angegeben, die Eurokrise auslöste. Und es ist nicht besser geworden, seit Tsipras'…

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Nr. 29/2015