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Politik

"Funktionstyp Akteur"

Der Attentäter von Berlin machte aus seinen Anschlagsplänen keinen Hehl. Landes- und Bundesbehörden wussten, dass er gefährlich war – und stoppten ihn dennoch nicht.

DER SPIEGEL
von
Matthias Bartsch
,
Maik Baumgärtner
,
Sven Böll
,
Jörg Diehl
,
Hubert Gude
,
Dietmar Hipp
,
Walter Mayr
,
René Pfister
,
Sven Röbel
,
Jörg Schindler
,
Fidelius Schmid
,
Andreas Ulrich
,
Andreas Wassermann
und
Wolf Wiedmann-Schmid
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Politik

Seinen Fluchtweg wählte Anis Amri so, als wollte er ein letztes Mal die Behörden narren. Als wäre es ein Kinderspiel, reiste er Hunderte Kilometer quer durch Europa, zunächst nach Holland, dann nach Frankreich, ausgerechnet Frankreich, wo seit November 2015 der Ausnahmezustand herrscht, um Terroristen besser aufspüren zu können.

Von Chambéry aus setzte sich der Tunesier dann am Abend des 22. Dezember in einen Zug nach Turin, wo er drei Stunden lang blieb. Schließlich, es war 22.54 Uhr, verließ er unbehelligt den Bahnhof Porta Nuova – und näherte sich der letzten Station seines Lebens.

In Sesto San Giovanni bei Mailand, mehr als 800 Kilometer von Berlin entfernt, endete am frühen Morgen des 23. Dezember die lange Reise des Anis Amri. Nach einem Schusswechsel mit zwei Polizisten lag der 24-Jährige tot auf der Piazza 1 Maggio. Bei ihm fanden die Ermittler mehrere Handys, Sim-Karten und 1005 Euro in bar. Der Rucksack, in dem er wohl seine Pistole versteckt hatte, enthielt auch eine Zahnbürste, eine Plastikflasche Shampoo made in Germany und ein paar Hygieneartikel. Der Mann, der Deutschland erschütterte, wollte offenbar bis zuletzt eine gepflegte Erscheinung abgeben.

Eine Woche liegt der Showdown von Sesto inzwischen zurück. Und während über Weihnachten die Erleichterung darüber dominierte, dass zumindest dieser "Gefährder" nicht mehr frei herumlief, stellt sich seither immer drängender die Frage, wieso Amri eigentlich nicht früher gestoppt werden konnte.

Tag für Tag sickern neue Details durch, die belegen, wie ungehindert der Tunesier durch die Lücken des Asylsystems spazierte. Wie er sich unter den Augen der deutschen Sicherheitsbehörden radikalisierte. Wie er offenbar mühelos in Berlin einen Lkw-Fahrer erschießen, dessen Lastwagen rauben und damit elf Zufallsopfer töten konnte. Und wie schnell sich der mutmaßliche Attentäter vor der Gedächtniskirche scheinbar in Luft auflöste, bevor er vier Tage später nahe Mailand wieder auftauchte.

All das hat das Zeug dazu, das ohnehin angekratzte Vertrauen in die Stärke des Staates zu erschüttern. Eines Staates, der im ablaufenden Jahr 2016 anscheinend hilflos mehreren Terrorpremieren beiwohnte: in Würzburg der erste schwere Anschlag im Namen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), in Ansbach das erste Selbstmordattentat auf deutschem Boden – und nun in Berlin die erste Attacke im Namen des IS mit einer großen Zahl ziviler Opfer.

Und weil jedes Mal Flüchtlinge oder eher: Kriminelle, die sich als Flüchtlinge ausgaben, die Täter waren, schwillt die Diskussion darüber gerade wieder an, ob der Staat vor allem warmherzig oder wehrhaft zu sein hat. Beides zusammen scheint nach den…

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Nr. 1/2017