Lesezeit 12 Min
Gesellschaft

Für Emil

Eine Richterin führt seit fast sieben Jahren Prozesse, um den Tod ihres Sohnes im Kreißsaal aufzuklären – bis heute vergebens.

DOROTHEE VAN BÖMMEL / DER SPIEGEL
von
Udo Ludwig
Lesezeit 12 Min
Gesellschaft

Petra Gutmann hat am Esstisch ihrer Wohnung im Frankfurter Univiertel Platz genommen, neben der Küchentheke, auf der die Kaffeemaschine und Fotorahmen stehen. Auf einem der Bilder ist sie im Klinikbett zu sehen. Petra Gutmann wirkt sehr erschöpft. Wenige Stunden zuvor war ihr Sohn Emil auf die Welt gekommen. Der Säugling sieht friedlich aus, zufrieden.

In Wirklichkeit war Emil zu diesem Zeitpunkt schon tot.

"Der Schmerz ist immer noch da, er wird immer bleiben", sagt Petra Gutmann. Manchmal reicht ein Satz, um den Schmerz auszulösen. "Ihr Kind ist tot, obwohl nichts falsch gelaufen ist." Das waren die Worte eines Kinderarztes im Krankenhaus wenige Tage nach Emils Tod, so erinnert sich Petra Gutmann.

Oft muss sie ihren Mann Thomas, 44, bitten, die Post zu öffnen. In den Briefen von Rechtsanwälten und Sachverständigen stehen gedrechselte Formulierungen, die sie nicht erträgt. Inzwischen zweifelt die Doktorin der Rechtswissenschaft, woran sie jahrzehntelang geglaubt hat – an eine wahrheitssuchende Justiz.

Petra Gutmann, 49, ist Richterin am Arbeitsgericht in Frankfurt am Main. Der wichtigste Prozess, den sie je geführt hat, ist ihr eigener: Sie hat das Universitätsklinikum Frankfurt verklagt, sie wirft den Ärzten Behandlungsfehler vor, die zu Emils Tod geführt hätten.

Die blonde Frau mit der Goldkette, an der ein kleines E hängt, redet ruhig und konzentriert, wenn sie die Details dieses Prozesses beschreibt. Sie gibt sich Mühe, alles sachlich und verständlich zu erklären. Aber es gelingt ihr nicht immer, die Fassung zu behalten – wenn sie etwa erklärt, wie ihr Baby im Mutterleib gekämpft hat, aber einfach nicht zur Welt kam. Dann…

Jetzt weiterlesen für 0,91 €
Nr. 43/2015