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Politik

Früchte des Zorns

Selten wurde in der deutschen Politik so erbittert gestritten und gehasst wie derzeit auf Marktplätzen und im Internet. Mit der AfD wird die Wut wohl in den Bundestag einziehen. Wie umgehen mit einer Partei, die vom Tabubruch lebt?

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL
von
Melanie Amann
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Laura Backes
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Matthias Bartsch
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Lukas Eberle
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Jan Friedmann
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Anna-Sophia Lang
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Cordula Meyer
,
Lars-Thorben Niggehoff
,
René Pfister
,
Fidelius Schmid
und
Steffen Winter
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Politik

Trillern oder schreien?" Sandro Oschkinats Männer gehen durch die Reihen und wappnen die Truppen für die bevorstehende Schlacht. Wer "trillern" sagt, bekommt eine Pfeife in die Hand gedrückt, Oschkinat selbst steht auf einem Tritt, der einen Rundumblick auf den Marktplatz von Torgau in Nordsachsen verschafft. In seiner rechten Hand hält er ein Megafon.

Schon vor Stunden hat Oschkinat im Büro seines Vereins "Spektrum aufrechter Demokraten" Flyer verteilt, auf denen "Rote Karte für Merkel" steht. Jetzt gibt er über sein Megafon letzte Anweisungen: "Wenn sie kommt, alle die Schilder hochhalten und ordentlich Krawall machen!"

Als die Kanzlerin dann um 17.20 Uhr die Bühne betritt, gibt es kein Halten mehr. "Hau ab!", brüllen Oschkinats Truppen. "Merkel muss weg! Wir sind das Volk!"

Irgendwann wendet sich die Kanzlerin an die Krachmacher: "Es geht um Ihr Leben in den nächsten vier Jahren – sofern Sie zuhören und nicht nur schreien." Doch das bekommen die, die gemeint sind, nicht mit. Der Lärm der Trillerpfeifen und Vuvuzelas übertönt alles.

Nur Stunden später werden erste Onlinemedien über die Störer berichten. "Merkel in Torgau niedergebrüllt", steht da etwa, Oschkinat ist zufrieden. Er betreibt eine Gaststätte in dem kleinen Dorf Audenhain, er hat zum ersten Mal in seinem Leben eine Demonstration angemeldet. Der 35-Jährige ist Mitglied der AfD, aber ein "kritisches", wie er betont. Er bezeichnet sich als "linken Patrioten". An der AfD findet er gut, dass man sich "asylkritisch" äußern dürfe.

Für die Demo in Torgau hat Oschkinat einen Flyer entworfen und 2000 Stück drucken lassen, er hat auf Facebook Werbung gemacht, die dann von Ablegern der Pegida in Thüringen und Sachsen weiterverbreitet wurde. Die AfD im Kreis Elbe-Elster hat einen ganzen Bus gemietet, um die Demonstranten aus den umliegenden Orten nach Torgau zu bringen. Die Veranstaltung nannte Oschkinat "Ausfahrt zur Kanzlerin der Schmerzen".

Das Pfeifen und Trillern auf dem Marktplatz von Torgau ist der Vorbote einer Wut, die wohl bald den Bundestag erreichen wird. Keine Klage ist derzeit im Berliner Regierungsviertel populärer als die über den angeblich öden Wahlkampf, über das matte Duell zwischen Merkel und Martin Schulz. Aber wer sich umschaut in der Republik, wer nach Bitterfeld fährt, nach Torgau oder Annaberg-Buchholz, der stellt schnell fest, dass viele Wähler die Politik nicht als langweilig empfinden. Es brodelt und gärt, es wird geschrien und gehasst, vor allem im Osten Deutschlands.

Merkel und Schulz sind die Kandidaten der demokratischen Mitte; egal wer gewinnt, die Republik wird keine dramatischen Ausschläge erleben. Sie sind beide gute Europäer, vereint im Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft, und beide verbindet der Glaube, dass es richtig war, im Sommer 2015 die Grenzen zu öffnen für Hunderttausende Flüchtlinge. Beide wollen ebenfalls, dass es sich nicht wiederholt.

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Demonstrant Oschkinat (r.): „Trillern oder schreien?“

Das Ergebnis der zwölfjährigen Kanzlerschaft Merkels ist auch ein gespaltenes Land, in dem sich eine radikale, aber laute Minderheit nicht mehr…

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Nr. 37/2017