Lesezeit 16 Min
Fernweh

Frischer, kalter Melonensaft

Der Schriftsteller Navid Kermani fährt von Bergkarabach, einem Außenbezirk des europäischen Kontinents, ins Land seiner Eltern: Iran.

NAZIK ARMENAKYAN / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
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Fernweh

Zwölfter Tag

Stepanakert ist keine schöne, dafür aber auch keine arme Stadt. Man sieht den Straßen an, dass viel Geld nach Bergkarabach geflossen ist, mehr jedenfalls als in jede armenische Kleinstadt. Denn klein ist Stepanakert mit gerade mal 50 000 Einwohnern, obwohl es nun Hauptstadt einer zwar nicht anerkannten, aber doch selbstbewussten Republik ist, klein wie alles in Bergkarabach außer den Bergen, die die Hochebene von drei Seiten umfassen. Besonders Diaspora-Armenier beweisen ihren Patriotismus, indem sie sich für den Aufbau der jungen Republik engagieren; sie spenden, investieren, verbringen ihren Urlaub oder leisten einen Freiwilligendienst wie junge amerikanische Juden in Israel. Auch eine Schnellstraße gibt es, die einmal quer durchs Land führt, und einen neu gebauten Flughafen, von dem wegen des Krieges noch nie ein Flugzeug abgehoben hat. Zu unserer Überraschung schwingen die Türen dennoch auf, sodass wir in den blitzblanken Terminal spazieren können.

Wir können uns an die Counter stellen, einen Gepäckwagen nehmen, auch die Toiletten benutzen. Auf der Anzeige steht, dass der Check-in um 15.30 Uhr beginnt, aber das ist nur ein Test, erfahren wir vom Flughafenmanager, der vielleicht auch nur ein gut gekleideter Hausmeister und jedenfalls die einzige anwesende Person im gesamten Gebäude ist.

"Könnte heute Mittag ein Flugzeug landen?"

Navid Kermani

Kermani, 50, ist Autor, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und lebt in Köln. Bislang hat der SPIEGEL acht Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Vier weitere werden in den nächsten Wochen folgen. Seine Reise endet im iranischen Isfahan, der Heimat seiner Eltern. Ende Januar erscheint Kermanis Reisetagebuch auch im Verlag C. H. Beck ("Entlang den Gräben").

"Ja, absolut", versichert der Manager, für den ich ihn mal halten will, und erklärt, dass einmal die Woche eine Übung abgehalten werde, um eine Landung zu trainieren. Dann zeigt er auf den Kontrollturm, von dem tatsächlich…

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Nr. 3/2018