Lesezeit 14 Min
Gesellschaft

Fremdenzimmer

Wie soll Deutschland mit Flüchtlingen umgehen? Zum Beispiel so wie Hilde und Werner, 86 und 90 Jahre alt. Vor sieben Monaten haben sie einen syrischen Flüchtling in ihr Haus aufgenommen. Freiwillig. 

MILOS DJURIC / DER SPIEGEL
von
Özlem Gezer
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Gesellschaft

Hilde ist 86 Jahre alt, Werner bald  90, seit vergangenem Herbst haben sie einen gemeinsamen Sohn. Seit er da ist, reden Hilde und Werner jeden Tag über seine Zukunft und darüber, wie er glücklich werden kann. Er soll nicht so viel mit seinem Smartphone spielen, er soll früher schlafen gehen, er soll seine Hausaufgaben machen, er soll öfter mit ihnen gemeinsam fernsehen, er soll Zeitung lesen, er soll eine gute Arbeit finden, bei der Müllabfuhr vielleicht oder als Serviermann. Irgendwann soll er viel Geld verdienen und sich ein Auto kaufen. Der Sohn von Hilde und Werner heißt Mazen Saramijou.

Mazen ist 42 Jahre alt, geboren in einem kleinen Dorf im Norden Syriens. Mazen war Elektroingenieur, er arbeitete für die Regierung von Assad, dann kam der Krieg, auch in sein Dorf. Im vergangenen Sommer hat er in diesem Dorf seine Eltern zurückgelassen und ist über das Mittelmeer nach Deutschland geflohen. Seit sieben Monaten lebt er bei Hilde und Werner. Er nennt Hilde Mama und Werner Baba.

In seinem deutschen Leben schläft Mazen in einem Zimmer mit Kassettenrekorder auf dem Schrank, Plastikblumen an der Wand und Stofftieren im Regal. Sein Zimmer liegt im ersten Stock, eine Etage über der vollautomatischen Bundeskegelbahn der Gaststätte Strauß. An der Eingangstür ist eine Aufschrift in Glas gemalt: „Fremdenzimmer, seit 1878“.

In diesem Haus wohnen jetzt Werner, Hilde, Mazen und die Katze Mukki. Quierschied, ein kleiner Ort im Saarland, nicht weit von der Grenze zu Frankreich, 13 000 Einwohner, mit einer Kirche, dem „Tanzparadies im Rosengarten“ am Marktplatz und einer Gemeindebibliothek. Ein Ort, der früher bekannt war für seine Gruben.

Auch Werner war unter Tage, 35 Jahre lang, Schichtführer in der Grube Göttelborn. Er erzählt gern von früher, abends am Küchentisch, wenn sie gemeinsam Rommé spielen. Immer nach dem Abendbrot holt Hilde die Karten aus dem Schrank und zieht eine weiße Decke über den Holztisch,…

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Nr. 28/2015