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Verbrechen

Frau Millgramm geht stehlen

Die Rentnerin Ingrid Millgramm, 84 Jahre alt und früher eine reiche Frau, hat im Monat nur ein paar Euro zum Leben. Sie klaut Lebensmittel im Supermarkt und muss zwei Monate lang ins Gefängnis. Sie konnte nicht anders.

DIETER MAYR / DER SPIEGEL
von
Cathrin Schmiegel
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Verbrechen

Sie hatte in ihrem Leben zwei Ehemänner verloren und ihr ganzes Vermögen, als Ingrid Millgramm, geboren 1933, in einem Supermarkt stand und eine Packung Rinderhackfleisch aufriss, 500 Gramm, reduziert. In ihr Gesicht schoss rote Hitze, doch sie hatte sich entschieden.

Sie nestelte einen Gefrierbeutel aus ihrem Weidekorb und schüttelte das Hackfleisch hinein, sah über ihre Schultern, nach rechts, nach links, zur Fleischtheke hinüber, zum Kühlregal. Beobachtet mich jemand?

Sie lief nach vorn mit zögernden Schritten, eine Frau im Pelzmantel, mit zurechtgezupften Locken, koloriertes Mittelblond, lief vorbei an Saftpackungen, Pralinen, Tulpensträußen. An der Kasse legte sie die Butter auf das Band, das erste und das zweite Paket Knäckebrot. Nur den Klumpen Fleisch ließ sie im Korb, den sie mit kalten Fingern umklammerte.

An diesem Frühlingstag 2013 wurde Ingrid Millgramm, Rentnerin im Unterallgäu, zu einer Diebin.

Fünf Jahre sind seitdem vergangen, da sitzt sie in ihrem Wohnzimmer in Bad Wörishofen, Kneippkurort mit Wirtshäusern und Bergen, gemeißelt in den Horizont. Sie versinkt in ihrem geblümten Ohrensessel, lehnt sich zurück, erschöpft von den vergangenen Wochen. Sie ist, wie bei jedem der folgenden Treffen, akkurat gekleidet, sie trägt Bundfaltenhose, selbst gestrickten Zopfpullover, passende Ohrstecker, dezenten Lidschatten und Lippenstift, mal orange, mal rosa. Sie trinkt entkoffeinierten Kaffee aus Instantpulver, und sobald sie ihre Tasse leer getrunken hat, steht sie auf und zieht den Lippenstift nach.

Ingrid Millgramm hat, nach diesem ersten Diebstahl im Frühjahr 2013, noch häufiger Lebensmittel gestohlen. Sie musste deswegen ins Gefängnis gehen, sie hat 55 Tage und 15 Stunden in einer Doppelzelle in Memmingen gesessen. Mit 84 Jahren. Weil sie Waren im Gesamtwert von 84,65 Euro gestohlen hatte.

Sie lebt in einer Wohnung, vollgestellt mit Landhausmöbeln, mit Kristallgläsern in der Vitrine und einer vergoldeten Uhr an der Wand. Wenn man nur dieses Bild von ihr kennen würde, eine stolze Frau in stolzer Umgebung, dann wäre es schwer, den Diebstahl von 500 Gramm Rinderhack damit in Übereinstimmung zu bringen. Sie ist ja keine, die dem Klischee des Armutsrentners entspricht, sie streift nicht um die Bahnhöfe, um Pfandflaschen aus den Mülleimern zu fummeln, sie schnippelt keine Karotten in irgendwelchen Großküchen, um ein paar Euro dazuzuverdienen zur dünnen Rente.

Warum macht sie das eine, statt das andere aufzugeben? Warum stiehlt sie, statt ihr Leben zu ändern? Warum gibt sie ein Bild von sich ab, das nicht stimmt?

Wenn man Ingrid Millgramm statistisch erfassen will, dann gehört sie zu den knapp 2,9 Millionen Rentnern in Deutschland, die bei den Behörden als "armutsgefährdet" gelten. Solchen Menschen bleibt im Monat etwas mehr als die Hälfte des mittleren Pro-Kopf-Einkommens. In Bayern heißt das: weniger als 1025 Euro. Meistens sind Frauen betroffen mit einer Biografie wie Ingrid Millgramm: über 65…

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Nr. 24/2018