Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Folter und Strafe

Eine Wahrheitskommission arbeitet das Grauen der Diktatur auf und lässt die Aussagen von Opfern wie Tätern im Fernsehen übertragen. Aber sie spaltet das Land.

JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL
von
Nicola Abé
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Gesellschaft

Mohamed Ghariani sitzt auf einem Ledersofa in seinem Fernsehzimmer. Es ist Nacht. Ghariani ist allein zu Hause; ein Mann Mitte fünfzig, er trägt weiße Lederschuhe. Vor ihm liegen eine Dose mit Mini-Schokoriegeln und eine Schachtel Marlboro. Auf dem riesigen Flachbildschirm läuft: eine Anklage gegen ihn und das politische System, dessen Teil er war.

Ghariani schiebt sich ein Snickers in den Mund. Im Fernsehen berichten Männer mit schlechten Zähnen und wütenden Augen davon, was ihnen angetan wurde unter dem Diktator Zine el-Abidine Ben Ali, über Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Folter. Ben Ali wurde am 14. Januar 2011 in der ersten Rebellion des Arabischen Frühlings gestürzt. Ghariani war sein persönlicher Berater und Generalsekretär der Regierungspartei RCD. "Da müssen wir jetzt durch", sagt er, "wir sind jetzt eine Demokratie."

An diesem Abend wird eine Anhörung der tunesischen "Kommission für Wahrheit und Würde" im Fernsehen ausgestrahlt. Mehr als 62 000 Fälle hat die Kommission seit 2014 gesammelt. Es geht um eine Abrechnung mit mehr als 50 Jahren Diktatur, den Versuch einer Versöhnung bei gleichzeitigem Wissen über all das Grausame, was geschehen ist.

Ziel dieser "Übergangsjustiz" ist es, die Wahrheit über das alte Regime ans Licht zu bringen. Urteile werden nicht gefällt. Die Erfahrungen und vor allem das Leid der Opfer sollen anerkannt werden. Es geht aber auch darum zu verhindern, dass solche Verbrechen durch den Staat je wieder geschehen können. Die Gesellschaft soll Frieden finden. Kann das gelingen?

Auf dem Sessel gegenüber hat Ghariani ein weinrotes Telefon bereitgestellt. Er erwartet Anrufe. Schließlich wird er heute Abend selbst im Fernsehen sprechen, auf Kanal eins. Seine Aussage wurde am Vortag aufgezeichnet. Er ist der erste Zeuge der Täterseite, der per Videobotschaft über die Zeit unter Ben Ali aussagen wird – als Höhepunkt am Ende der Sendung.

"Ich will zeigen, wie das alte System funktionierte", sagt Ghariani. Er habe sich aus Respekt vor der neuen Verfassung dafür entschieden. Also wird er offenbaren, wie sie gemeinsam die Wahlen fälschten. Ben Ali, so erklärt er, habe Wert auf sein Image gelegt und den Anschein einer demokratischen Regierung erwecken wollen. Da er aber jede echte Opposition unterdrückte und nur die Anhänger des Diktators zur Urne gingen, mussten sie tricksen. "Ein Ergebnis um die hundert Prozent hätte schlecht ausgesehen", erklärt Ghariani mit einem feinen Lächeln um den Mund, "also wurde vorher überlegt, welche Partei wie viel Prozent bekommt, und dann wurden…

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Nr. 48/2017