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Flüssige Gefahr

Viele Kinder und Jugendliche greifen zu Energydrinks – mit zum Teil fatalen Folgen. Aber die Politik drückt sich davor, den Verkauf an Minderjährige zu verbieten.

JOANNA NOTTEBROCK / DER SPIEGEL
von
Katrin Elger
,
Benjamin Knaack
und
Antje Windmann
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Müde schnürte Jonas sich die Fußballschuhe zu. Der junge selbstständige Grafiker hatte die Nacht zuvor kaum geschlafen, ein kurzfristiger Auftrag. Aufs Kicken mit Freunden wollte er aber nicht verzichten. Eine Stunde später lag Jonas an jenem Freitag im September 2013 auf einem Bolzplatz in Nordrhein-Westfalen.

Plötzlicher Herzstillstand. Mit 23.

Jonas' Freundin versuchte, ihn wiederzubeleben. Sanitäter jagten Elektroschocks durch seinen Körper, fünfmal ließen sie ihn hochschnellen. Noch auf dem Rasen fragte einer der Rettungsmediziner: "Hat er Energydrinks getrunken?"

Ja, hatte er. Insgesamt zweieinhalb Liter. Zwei Dosen Monster in der Nacht, drei Dosen kurz vor dem Spiel. Als sich sein Kreislauf etwas stabilisiert hatte, wurde er in eine Klinik gebracht. Am Abend lag Jonas im künstlichen Koma. Sein Gehirn war zeitweilig nicht mit ausreichend Sauerstoff versorgt worden.

Jonas hatte ein gesundes Herz, es gibt keine Vorerkrankungen in seiner Familie, nur sein Großvater trägt einen Herzschrittmacher; er bekam ihn mit über 70.

Jonas' Kardiologe sagt: "Natürlich war sein Körper beansprucht, weil er wenig geschlafen und dann auch noch Sport gemacht hatte." Das allein provoziere aber keinen Herzstillstand. "Dafür gibt es nur eine erkennbare Ursache: diese Drinks."

Diese Drinks. Seit Jahren nehmen die koffeinhaltigen Wachmacher in Supermärkten, Kiosken und Tankstellen einen festen Platz ein; in Kühlregalen, zwischen Wasser und Vitaminsäften, und an der Kasse, abgefüllt in Dosen der Labels Red Bull, Monster, Rockstar. Dazu kommen Eigenkreationen für Märkte und Discounter wie Booster, Speedstar, Strong Force.

Für Millionen Menschen gehören Energydrinks zur täglichen Routine. Dabei birgt der übermäßige Verzehr ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Bereits mehrere Teenager sind nach dem Konsum der "Erfrischungsgetränke" gestorben. In den USA laufen die ersten Prozesse gegen den Marktgiganten Monster.

Auch hierzulande sind Wissenschaftler, Ärzte und Verbraucherschützer alarmiert. Ebenso wie die Weltgesundheitsorganisation fordern die Experten ein Abgabeverbot an Minderjährige und deutlichere Warnhinweise auf den Dosen und Flaschen. Doch die Politik sieht sich nicht in der Pflicht. Es mangle an wissenschaftlichen Belegen, dass die Getränke gefährlich seien, heißt es.

Allein in den Jahren 2011 und 2012 kamen mehr als 600 neue Marken in den europäischen Handel. In Deutschland wurden 2014 rund 290 Millionen Liter Energydrinks verkauft. Noch immer kommen neue Marken und neue Geschmacksrichtungen hinzu; Orange, Mojito, Ananas-Limette. Es ist schließlich Sommer.

Wer zum Koffeinkick greift, will cool sein, wach bleiben, fit werden. Jede Dose liefert ein Versprechen: Double size – double kick. Krieg dem Gewöhnlichen. Verleiht Flügel. Slogans wie diese sprechen gezielt junge Menschen an.

Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit trinkt bereits jedes fünfte…

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Nr. 33/2015