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Gesellschaft

Flüchtlinge im eigenen Land

Das verheerende Erdbeben mit weit über 200 Toten ist eine Bewährungsprobe für Premier Matteo Renzi. Das Versagen des Staates nach der Katastrophe von 2009 ist unvergessen.

GIORGIO PALMERA / DER SPIEGEL
von
Fiona Ehlers
und
Walter Mayr
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Gesellschaft

Sie sehen jetzt aus wie die Gestalten, die sie seit Jahren aus den Nachrichtensendungen im Fernsehen kennen. Sie gleichen erschöpften Boatpeople, die das Meer in Gummibooten überqueren und an Italiens Inseln stranden. Nur ist hier kein Kriegsgebiet und auch kein Meer.

Andrea und Maria Giovanna Fontanella, 71 und Ende 60, stehen vor ihrem Haus am Rand der Abruzzen und weinen, ihre Körper, ihre Haare sind immer noch staubverschmiert, sie tragen ihre letzten Habseligkeiten, er ein weißes Poloshirt, auf dem in blauer Schrift "Italia" steht, sie einen grünen Wollpullover für die kalten Nächte.

Sie betreten wohl zum letzten Mal das dreistöckige Haus mit dem grünen Anstrich, bevor es in sich zusammenfällt, greifen, was sie greifen können, Eier aus dem umgekippten Kühlschrank, eine Salami, die am Boden lag. Sie wollen ihr Hab und Gut nicht Plünderern überlassen. Nachts starren sie in den Sternenhimmel und bekommen kein Auge zu. Sie haben so eine Wucht, so eine Endgültigkeit noch nie erlebt, sagen beide.

Seit Mittwochfrüh um 3.36 Uhr sind Andrea Fontanella und seine Frau Maria Giovanna Flüchtlinge im eigenen Land. Das Beben in den Abruzzen – 6,2 auf der Richterskala – war das stärkste, seit im Jahr 2009 im benachbarten L'Aquila mehr als 300 Menschen starben. Es hat sie einer Zukunft in den grünen Hügeln und kargen Bergen zweieinhalb Autostunden von Rom beraubt. "Ich muss jetzt oft an die Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten denken", sagt er, "…

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Nr. 35/2016