Lesezeit 13 Min
Gesellschaft

Familie für alle

Die Reproduktionsmedizin und neue Formen des Zusammenlebens verändern den Begriff von Familie und Abstammung. Die Gesetze sind dafür nicht geschaffen. Die Bundesregierung ist überfordert.

DER SPIEGEL
von
Melanie Amann
,
Christiane Hoffmann
,
Caroline Katschak
,
Ann-Katrin Müller
,
Ralf Neukirch
und
Britta Stuff
Lesezeit 13 Min
Gesellschaft

Wenn Jasmin ihre Familie malt, zeichnet sie sieben Personen. Sich und ihre zwei Schwestern, zwei Mütter, zwei Väter. Mit ihren Vätern und ihren Schwestern lebt die Fünfjährige in Neuss. Ihre Mütter leben in Indien. Die beiden Väter, Axel und Jürgen Haase, sind homosexuell. Die eine Mutter, die Jasmin malt, hat die Eizellen gespendet, die andere hat sie als Leihmutter zur Welt gebracht.

Axel und Jürgen Haase waren Ende dreißig und seit mehr als 20 Jahren zusammen, als der Kinderwunsch kam - und die Ernüchterung. Sie hätten gern ein Kind adoptiert, doch das Jugendamt Neuss machte dem Paar schnell klar, dass sie "ihren Kinderwunsch begraben können", sagt Axel Haase: "Wir waren den Beamten zu schwul."

Im Spiegel 38/2008 lasen sie, dass man in Indien Kinder per Leihmutterschaft bekommen könne. In einer Fertilitätsklinik in Mumbai unterschrieben sie einen Vertrag. Sie wählten eine indische Eizellenspenderin aus, die Spermien kamen von Axel Haase. 2010 brachte die Leihmutter Jasmin zur Welt. Die deutsche Botschaft weigerte sich, die Vaterschaft zu beurkunden. Rund anderthalb Jahre saßen Vater und Tochter in Indien fest, dann schloss Axel Haase mit dem Auswärtigen Amt einen Vergleich vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Zurück in Deutschland musste Haase erneut die Anerkennung der Vaterschaft vor Gericht erstreiten.

Jasmin sollte kein Einzelkind bleiben. 2012 kamen die Zwillinge Anna und Alisha zur Welt - in Kalifornien. Mit ihnen durften die Haases sofort nach Hause, ein kalifornisches Gericht hatte sie als Eltern anerkannt, die Kinder erhielten einen deutschen Pass vom Honorarkonsul in San Diego. Doch das Standesamt in Neuss weigerte sich, die Männer als Väter einzutragen, weil die Leihmutterschaft…

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Nr. 32/2015