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Wirtschaft

Europas Nabelschnur

Der Brennertunnel ist das ehrgeizigste Bahnprojekt der EU. Deutschland macht nur halbherzig mit – zum Ärger seiner Partner. Eine Inspektion in Bayern, Österreich und Südtirol.

DER SPIEGEL
von
Walter Mayr
,
Conny Neumann
und
Gerald Traufetter
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Wirtschaft

Tief im Berg unter dem Tiroler Dorf Aldrans treiben Mineure Löcher ins Schiefergestein. Sie verfüllen drei Zentner Sprengstoff, gehen in Deckung, dann ist der Sprengmeister dran: ein Knopfdruck, ein Knall, und eine Druckwelle rollt durch den Stollen.

170 Zentimeter pro Sprengung kommen Österreichs Tunnelgräber im Fels voran. Rund um die Uhr geht es so in Richtung Italien. Von Innsbruck in Nordtirol nach Franzensfeste in Südtirol, 64 Kilometer quer durch den Bauch der Alpen soll später einmal dieser Brenner-Basistunnel (BBT) führen  als längste unterirdische Eisenbahntrasse der Welt.

Sechs Sprengtrupps sind derzeit im Einsatz, unterstützt von einer Tunnelbohrmaschine, 1800 Tonnen schwer, Stückpreis fast 20 Millionen Euro. An einer besonders heiklen Stelle, am Wolfendorn östlich des Brennerpasses, werden die Tunnelbauer 1800 Meter Felsgestein über sich haben. "Da herrschen im Stollen Temperaturen von 35 Grad, das fühlt sich dann so an wie auf den Malediven  nur ohne Ausblick aufs Meer", scherzt Simon Lochmann, Südtiroler und Sprecher des Bauherren, der Brenner Basistunnel BBT SE.

Der Traum von der Unterquerung des Alpenhauptkamms entstand schon Mitte des 19. Jahrhunderts, als es möglich wurde, immer längere Tunnel zu bauen. Doch es dauerte noch über 100 Jahre, bis 1971 die erste Machbarkeitsstudie in Auftrag ging. Seit Sommer 2006 wird nun tatsächlich gebaut  mit steigenden Kosten. "Anfangs war von einer Milliarde Euro die Rede, dann von zwei, von drei, inzwischen sind wir bei etwa 8,8 Milliarden", sagt Lochmann. Es könnte am Ende auch mehr als das Doppelte werden, warnte der Österreichische Rechnungshof schon vor Jahren.

Der Brennertunnel ist das teuerste Zuschussprojekt in der Geschichte der EU  und eines der ehrgeizigsten. Die Betonröhre, Teil einer Trasse über 2200 Kilometer von Berlin bis hinab nach Palermo, soll nicht nur den Güterverkehr auf die Schiene verlagern und damit Umwelt und lärmgeplagte Anwohner schonen, sondern auch Menschen schneller zueinanderbringen: Deutsche, Österreicher, Italiener.

Befürworter sehen den Tunnel samt der geplanten Hochgeschwindigkeitsstrecke von München bis Verona als künftige Nabelschnur im Herzen Europas. Kritiker hingegen warnen, das riesige Projekt basiere auf überzogenen Bedarfsprognosen. So oder so: Der Tunnel ergibt nur Sinn, wenn gleichzeitig massiv in den Ausbau der…

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Nr. 36/2016