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Gesellschaft

Europa oder Tod

Die zweitgrößte Zahl an Flüchtlingen stammt aus dem Land, in dem Deutschland einst einen Staat aufbauen wollte. Seit die Taliban Kunduz überfielen, machen sich noch mehr Menschen auf den gefährlichen Weg.  

ANDREW QUILTY / DER SPIEGEL
von
Susanne Koelbl
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Gesellschaft

Die Flucht von Redwan Eharai endet da, wo sie begann, in Afghanistan, in der Stadt Herat. Er trägt den schweren Leichnam seiner Mutter Sima zum Friedhof hinauf, ein 15-jähriger Junge, zusammen mit Nachbarn und Verwandten. Er war mit ihr aufgebrochen, nach Europa, nun steht er an ihrem Grab.

Die Mutter starb an der Grenze zwischen Iran und der Türkei. Ein Schuss, abgefeuert von einem iranischen Polizisten, traf sie in den Kopf.

Hunderte Menschen sind nun gekommen, um Abschied zu nehmen. Als sie noch lebte, als sie Hilfe so dringend benötigt hätte, war niemand für sie da, sagt Redwan Eharai. Er blickt in das Erdloch, in dem seine Mutter gleich verschwinden wird; er sieht fast wie ein Mann aus, mit Bartstoppeln, aber in diesem Moment wirkt er wie ein Kind.

Die Familie ist arm, Redwans Vater starb vor fünf Jahren an einem Gehirntumor, und Sima, die Mutter, 43 Jahre alt, litt unter Depressionen, sie schlief wenig und weinte viel. Als Witwe ohne Einkommen, mit drei Kindern, das sei in Afghanistan, wie lebendig begraben zu sein, sagt Redwan, man habe keinerlei Rechte.

Deshalb beschloss Sima Eharai, zusammen mit ihren Kindern Adnan, Erfan und Redwan Afghanistan zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Dort, in Frankfurt, lebt schon ihre älteste Tochter Sanaz. Die Mutter hatte sie mit einem Deutsch-Afghanen verheiratet, sie sollte es besser haben. "Ich kann so nicht weiterleben", sagte Sima Eharai, als sie die Tochter zum letzten Mal anrief. "Entweder ich schaffe es zu dir, oder ich folge meinem Mann in den Tod."

Den Traum von einem besseren Leben in Europa hegen viele Afghanen. Rund 80 000 haben allein in der ersten Jahreshälfte…

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Nr. 44/2015