Lesezeit 12 Min
Politik

„Europa muss sich entscheiden“

Justin Trudeau, kanadischer Premierminister, über Freihandel, Klimawandel und das heikle Verhältnis zum lauten Nachbarn im Süden: Donald Trumps USA

AXEL MARTENS / DER SPIEGEL
von
Klaus Brinkbäumer
und
Barbara Hans
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Politik

Das Foto entsteht am Ende, in den letzten 30 Sekunden dieses Termins in Zimmer 215 des Hamburger Hotels Atlantic, und auch die Entstehung dieses Fotos erzählt etwas über Justin Trudeau.

Denn er geht zum Fenster, hinter dem die Alster funkelt. Blickt in die Kamera. Senkt das Kinn ab. Lächelt und hält dieses Lächeln. Spannt die Oberarmmuskeln an, hochgekrempelt waren die Ärmel schon, als er den Raum betrat. Beugt den Oberkörper vor. Und ist nun bereit.

Ein Boxer? Ein Tiger? Jedenfalls ein Profi, einer, der weiß, dass Inszenierung Teil der Politik ist, und mehr noch: der gewiss auch weiß, wie er aussieht und wie er wirkt.

Justin Trudeau, 45, ist seit 18 Monaten kanadischer Premierminister und ein Gegenentwurf zu Donald Trump. Einladend. Angstfrei. Lustig. Liberal. Er tritt für den Klimaschutz und für Migration ein; als Trump den Bau von Mauern verkündete, sagte Trudeau, dass Kanada die Welt willkommen heiße. Er will den Freihandel und geht die diffizile Aussöhnung mit Kanadas Ureinwohnern an; als er die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen besetzte, wurde er nach dem Warum gefragt und sagte jenen Satz, der berühmt wurde: "Because it's 2015."

Trudeau ist der älteste der drei Söhne Pierre Trudeaus, der von 1968 bis 1979 und von 1980 bis 1984 Kanadas Premierminister war. Der kleine Justin spielte im Regierungsviertel von Ottawa, und vielleicht ist der große Mister Trudeau deshalb heute so sicher, so ganz und gar niemals nervös. Sein Auftreten erinnert an Barack Obama, doch Trudeau riskiert mehr: Er macht Witze über sich selbst, trägt kunterbunte Socken, im Wahlkampf…

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Nr. 28/2017