Lesezeit 18 Min
Wissen

»Europa ist futsch«

Die Wiederkehr des Verdrängten ist schon da: Der französische Soziologe Emmanuel Todd sieht einen Rückzug der europäischen Gesellschaften auf sich selbst voraus und kritisiert die deutsch-französische Selbstüberschätzung.

RUDY WAKS / DER SPIEGEL
von
Romain Leick
Lesezeit 18 Min
Wissen

Todd, 67, arbeitete als Sozialwissenschaftler und Historiker am Nationalen Institut für demografische Studien in Paris. In zahlreichen Büchern beschäftigte er sich mit der sozialen Frage, dem Schicksal der Migranten, dem ökonomischen Rückstand der islamischen Welt sowie der Zukunft Europas und der USA. In seinem neuen Werk "Traurige Moderne" entwirft er eine Geschichte der Menschheit anhand der Evolution von Familiensystemen, die ihm zufolge über Dynamik oder Stillstand von Kulturen entscheiden(*). Mit seinen Thesen provoziert Todd, der sich selbst der linksliberalen Mitte zuordnet und mit scharfer Kritik an den französischen Eliten hervortrat, immer wieder polemische Debatten.

SPIEGEL: Monsieur Todd, 1976 sagten Sie in Ihrem Buch "Vor dem Sturz" aufgrund demografischer und sozialer Analysen das Ende der Sowjetherrschaft voraus. Die damals gewagte Prognose machte Sie mit einem Schlag international bekannt. Prophezeien Sie heute die Auflösung der Europäischen Union?

Todd: Europa befindet sich in einem beklagenswerten Zustand: zerrissen, gespalten, unglücklich. Seine Führungseliten sind von einem Gefühl der Ohnmacht ergriffen. Was wir jetzt erleben, stimmt mich sehr traurig. Aber es überrascht mich überhaupt nicht. Es war vorhersehbar. Mehr noch: Es musste so kommen.

SPIEGEL: Wieso denn? Nach dem Kalten Krieg und der Spaltung Europas schien die immer größer und attraktiver werdende EU über lange Zeit unaufhaltsam zusammenzuwachsen, bis hin zu einer vollständigen politischen Union.

Todd: Ich nehme mir eine anthropologische Betrachtungsweise der Geschichte vor. Ein gewisses Maß an Zusammenarbeit der europäischen Nationen zu institutionalisieren war ein ehrgeiziges und zugleich vernünftiges Ziel. Aber als Spezialist der Familienstrukturen und damit der Sittensysteme, der Lebensweisen, habe ich mich nie der romantischen Idee verschrieben, dass die Europäer allesamt kulturell gleich seien und Europa ein homogener Raum werden könne. Die EU ist dabei, ein Opfer ihrer eigenen Sakralisierung zu werden und sich maßlos zu überschätzen.

SPIEGEL: Wo und wann stellen Sie den Bruch fest?

Todd: Eigentlich schon seit 1992, seitdem das Projekt der Währungsunion Gestalt annahm und die Vorstellung sich durchsetzte, den Kontinent über die Währung endgültig zu vereinen. Da sagte ich mir, Europa ist futsch. Denn von da an stand die europäische Metaphysik im…

Jetzt weiterlesen für 0,99 €
Nr. 32/2018