Lesezeit 22 Min
Fernweh

Es sieht wie Frieden aus

Eine Reise an den östlichen Rand des Kontinents. Achte Etappe: von der Hauptstadt Grosny in die tschetschenischen Berge.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
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Fernweh

Kermanis Reise (VIII) Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani reist für den SPIEGEL durch den Osten Europas. Sein Weg begann in Schwerin und führte ihn durch Polen, die Ukraine und die Krim bis in den Kaukasus.
Vorbemerkung der Redaktion: Ein Maßstab für die politischen Verhältnisse eines Landes ist der Grad von Anonymisierung, den Gesprächspartner zu ihrem Schutz erfahren müssen. In Tschetschenien ist er derzeit so hoch, dass der SPIEGEL bei einigen Personen, die freimütig genug waren, mit dem Autor zu sprechen, nicht nur auf rückführbare biografische Beschreibungen, sondern auch auf Fotos verzichtet.

Siebter Tag

Nein, sagt die junge Frau, die mich durchs neu entstandene Zentrum von Grosny führt, nein, hier wohne tatsächlich kaum jemand. Für normale Menschen seien die Wohnungen unerschwinglich, und die Reichen zögen eine Villa vor, deren Bau sie selbst in Auftrag gegeben hätten, statt sich mit dem Pfusch eines Bauherrn herumzuschlagen, der sich alles erlauben könne, weil er zugleich der Herr im Staate sei. Der Wasserdruck in den Luxusappartements beispielsweise sei so schwach, dass die Wellnessduschen schon im ersten Stock kaum funktionierten, die Elektrik habe bereits mehrere Gebäude in Brand gesetzt, und der opulente Stuck an den Gründerzeitimitaten, die sich am Putinprospekt aneinanderreihen, bröckele wie Schulkreide. Nur merken solle es niemand, deshalb verpflichte sich jeder Eigentümer, die Fassade laufend zu erneuern. Und dann die Wolkenkratzer: Wer ziehe in einem Erdbebengebiet schon freiwillig in einen Turm, den Tschetscheniens junger Präsident erbauen ließ? Gerechnet hat sich der Wiederaufbau Grosnys trotz der vielen Leerstände: Man muss sie nicht nutzen wollen, um Ramsan Kadyrow eine Immobilie abzukaufen. Man kauft sie, um seine Loyalität zu demonstrieren.

Vielleicht sind auch die Luxusboutiquen, Coffeeshops oder italienischen Schuhgeschäfte, die sich am Putinprospekt aneinanderreihen, nur zur Demonstration geöffnet. Man tut so, als wäre Grosny eine Weltstadt – nur die Laufkundschaft fehlt. Als ich die Touristeninformation betrete, die aufgemacht ist wie in Florenz oder Madrid, sind die Mitarbeiterinnen derart überrascht, dass sie keine Auskunft herausbringen, welche Sehenswürdigkeiten es in der Stadt gibt. Dabei würden die neuen Prachtgebäude jeden Themenpark schmücken, ob Walt Disney oder Playmobil: Vom alten Athen über Istanbuls Blaue Moschee bis hin zum Weißen Haus sind alle Baustile nachgeahmt. Zu allem Überfluss wird gerade auch noch ein Wolkenkratzer gebaut, der der größte Europas sein soll. "Danke, Ramsan, für Grosny", heißt es großflächig auf Plakaten, als hätte es die Stadt zuvor nicht gegeben.

Und tatsächlich, es gab sie ja auch nicht, 2004, als Achmat Kadyrow, Moskaus gerade erst bestellter Statthalter, bei einem Anschlag starb und sein 27-jähriger Sohn als Nachfolger vorgesehen wurde. Auf den wenigen Bildern, die es von den Zerstörungen des Zweiten Tschetschenienkriegs gibt, sieht Grosny wie Dresden nach der Bombardierung aus. Aus den…

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Nr. 11/2017