Lesezeit 7 Min
Gesellschaft

Es ist aufgeräumt

Das Blut wurde vom Asphalt gewaschen, die Iraner sind wieder folgsam. Doch das wird nicht von Dauer sein.

NAZIK ARMENAKYAN / DER SPIEGEL
von
Amir Hassan Cheheltan
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Gesellschaft

Es ist Ruhe eingekehrt. Die öffentlichen Proteste in mehreren Städten des Landes endeten mit über 30 Toten und mindestens 3700 Festnahmen, ohne dass der Zorn sich gelegt hätte. Die Protestierenden haben sich erschöpft in ihre Häuser zurückgezogen und warten auf den nächsten Anlass, der sie auf die Straße treiben wird. Die Straßenkehrer haben die Scherben auf den Gehwegen zusammengefegt, das Blut vom Asphalt gewaschen, die Geschäfte haben wieder geöffnet. Die Hauptstadt Teheran kehrt notgedrungen zum Normalzustand zurück.

Die Verantwortungsträger der Islamischen Republik tadelten einander zwar für ihre etwas schleppend erbrachten Dienstleistungen gegenüber der geschätzten Bürgerschaft. Aber ansonsten verkündeten sie nach Tagen unter Dauerspannung zufrieden: "Wir haben aufgeräumt!"

Tatsächlich müssen sie wohl aus jedem Kampf als Sieger hervorgehen, und das hat einen einfachen Grund: Die Milizen sind dreist, und sie scheuen sich nicht, auf Leute zu schießen, die sich ihnen mit nichts als ihren lautstarken Rufen entgegenstellen.

Zum Autor

Der Schriftsteller Cheheltan wurde 1956 in Teheran geboren, wo er nach mehreren Auslandsaufenthalten immer noch lebt. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch der Roman „Der Kalligraph von Isfahan“.

Nun,…

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Nr. 6/2018