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Gesellschaft

„Es gibt keine Pflicht zur Fremdenfreundlichkeit“

Migration, AfD – und die Frage, ob Rechte und Linke in diesem Land eigentlich noch miteinander reden können. Ein Treffen mit Rüdiger Safranski.

MAURICE HAAS / DER SPIEGEL
von
Sebastian Hammelehle
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Gesellschaft

Badenweiler, ein Kurort im äußersten Südwesten des Landes. Große Vergangenheit, Russen, Tschechow, später Heidegger. Heute lebt hier Safranski, 73, der sich einen Namen gemacht hat als Biograf deutscher Geistesgrößen: Schiller, Nietzsche, Schopenhauer. 1968 war er bei der Studentenrevolte in West-Berlin dabei, dann, zusammen mit Helmuth Lethen und Karl Schlögel, bei der Politsekte KPD/AO. 1975 brach er mit der extremen Linken.

SPIEGEL: Herr Safranski, wenn wir uns fragen, was 50 Jahre später von 1968 geblieben ist, und dann an die heutige #MeToo-Debatte denken – könnte man sagen, dass die politische Korrektheit das Kind der 68er-Bewegung ist?

Safranski: Der große Unterschied ist: Damals, da war man politisch frech. Heute haben wir es mit politischem Frömmlertum zu tun. Das macht den Unterschied. Da gibt es viel Heuchlerisches, Bravheit, Nicht-zu-Ende-Gedachtes. Zu Ende gedacht war 1968 auch nicht vieles, aber es gab wenigstens diese Frechheit.

SPIEGEL: Was ist frömmlerisch am Schutz der Minderheiten?

Safranski: Schutz der Minderheiten, das ist sowieso gut. Aber wenn wir von der Political Correctness sprechen, dann müssen wir von heißen Themen sprechen. Dann müssen wir von der Flüchtlingskrise sprechen – nicht von Minderheiten. Und dann müssen wir von der Rolle der Parteien sprechen.

SPIEGEL: Gut, dann sprechen wir von den heißen Themen. Soll mir sehr recht sein. Was halten Sie von der AfD?

Safranski: Ich hoffe, dass man nicht weiterhin den Fehler begeht, den man im Moment laufend begeht: die AfD zu einer rechtsradikalen Partei zu machen. Es geht um das Erwachen des konservativen Bewusstseins. Konservativ ist, wer die Gewaltenteilung in allen Bereichen ernst nimmt. Zum Beispiel gegen die wild gewordene Ökonomie, die durch die Gegengewalt des Staates eingeschränkt werden muss. Die Wirtschaft generiert nicht aus sich selbst die Gerechtigkeit. Dasselbe gilt für die Wissenschaft. Sie generiert nicht aus sich selbst die Ethik. Die Religion generiert nicht aus sich selbst ein friedliches Zusammenleben. Die…

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Nr. 12/2018