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Kultur

Erzherzog der Herzen

Er klagt über die »genderverseuchte Zeit«, besingt die Heimat und das Kreuz an der Wand: Der Popstar Andreas Gabalier bedient das Bedürfnis nach Bodenständigkeit und Identität – und hat damit riesigen Erfolg.

SLAVICA / DER SPIEGEL
von
Arno Frank
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Kultur

Die Tür zu dem kleinen Büro im VIP-Bereich des Münchner Olympiastadions ist zu schmal. Andreas Gabalier passt kaum hindurch, so breit sind seine Schultern. Er grüßt mit einem jovialen »Servus!« mit scharfem S und stellt eine Dose mit Red Bull auf den Tisch. Sein Lächeln ist ein Strahlen, sein Händedruck ein Schraubstock.

Er kann vor Kraft kaum laufen.

Obsessiv betreibt er Krafttraining, bis zu viermal in der Woche. Man sieht es, weil man es sehen soll. Die Arme unter der gefütterten Steppweste sind frei und die Hosen kurz. Voluminöse Brust, Bizeps, Trizeps, Waden, viel definiertes Fleisch. Der ganze Mann ist ein einziger Muskel, schon physisch das Geschöpf seines eigenen Willens.

Und er ist sehr erfolgreich. Mit seinem neuen Album »Vergiss mein nicht« steht der 33-Jährige derzeit in Österreich, Deutschland und der Schweiz auf Platz eins der Charts, hat mittlerweile insgesamt zwei Millionen Tonträger verkauft und gerade das 70 000 Menschen fassende Olympiastadion in München gefüllt, zum dritten Mal in Folge.

Andreas Gabalier befindet sich auf dem Höhepunkt einer Karriere, die seit Jahren von Höhepunkt zu Höhepunkt eilt und einfach kein Ende zu nehmen scheint. Sie ist nicht nur ein Phänomen. Sondern auch ein Symptom.

Phänomenal ist diese Karriere in einer Branche, deren Kundschaft entweder ins Internet oder ins Seniorenheim abgewandert ist. Zumal seine Lieder noch heute kaum im Radio gespielt werden. Den Schlagersendern ist die Musik zu rockig, den Popsendern zu volkstümlich. Gabalier ist die Kränkung anzumerken, auch wenn ihm diese Zurückweisung rückblickend »von der Nachhaltigkeit her in die Karten gespielt hat«, wie er sagt. »Auf Ö3, um mal eine Hausnummer zu nennen, lief es früher einfach nicht, weil man denen ein Dorn im Auge war.…

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Nr. 26/2018