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Gesellschaft

Erweiterte Kampfzone

In Manchester verschwindet ein Gemälde, in Berlin ein Gedicht. Kevin Spacey wird aus einem Film herausgeschnitten – und immer geht es dabei um Sexualität. Bedroht die Debatte um das Geschlechterverhältnis die Freiheit der Kunst?

DUNCAN ELLIOTT / DER SPIEGEL
von
Xaver von Cranach
,
Ullrich Fichtner
,
Sebastian Hammelehle
,
Wolfgang Höbel
,
Ulrike Knöfel
und
Martin Wolf
Lesezeit 23 Min
Gesellschaft

Es gibt auf dieser Welt ein Bild, das alle Fragen stellt und keine Antwort gibt. Auf geheimnisvolle Weise hat es mit allen Menschen zu tun, also auch mit Catherine Deneuve und mit Harvey Weinstein, mit #MeToo-Aktivistinnen und Herrn Dr. Wedel, mit den Asta-Leuten der Alice-Salomon-Hochschule, mit Kuratoren in Manchester und mit Kevin Spacey, der nicht mehr zu sehen ist in Ridley Scotts neuem Film "Alles Geld der Welt", obwohl er darin doch mitgespielt hat.

Das Bild hängt, Öl auf Leinwand, 46 mal 55 Zentimeter groß, in einem kleinen Saal des Pariser Musée d'Orsay. Sein Maler, Gustave Courbet, nannte es "L'Origine du monde", das heißt "Der Ursprung der Welt", und das Gemälde zeigt, in vollendetem Naturalismus, den Unterleib einer Frau, ein entblößtes weibliches Geschlecht. Vor dem Gemälde spielen sich tagtäglich viele kleine Szenen ab, die zur großen menschlichen Komödie gehören. Auch diese Woche, als der Winter mit tanzendem Schnee nach Paris kam, war es nicht anders. Da waren die Besucher, die zum allerersten Mal vor das Bild gerieten und zwischen zwei Wimpernschlägen um Fassung rangen. Da waren junge Frauen aus aller Herren Länder, die vor dem Bild in fröhliches Gelächter ausbrachen, oder war da auch eine kleine, kichernde Angst? Es gab wie stets die jungen Männer, die so taten, als hätten sie das Gemälde wirklich fast überhaupt nicht bemerkt, es gab die Liebespaare, die sich im Angesicht der prachtvollen behaarten Vulva noch ein wenig tiefer in die Augen schauten. Es gab Menschen, in deren Augen echte Panik stand, und dann spazierten wieder ruhige alte Damen vorbei, hoben kurz den Blick und gingen lächelnd davon.

Courbets Werk, entstanden 1866, gilt Kunsthistorikern als ein entscheidender Schritt auf dem Weg in die Moderne. Das Bild stellt eine radikale Geste schöpferischer Freiheit dar, einen Bruch: Hier wurde ein Geschlechtsorgan ohne historisches oder mythologisches Alibi abgebildet, durchaus verherrlicht und auch noch gotteslästerlich überhöht, eine unglaubliche Provokation – die allerdings bis heute fortwirkt. "Der Ursprung der Welt" darf im Februar 2018 noch immer als so gefährlich und als so gefährdet gelten, dass das Museum einen Bediensteten eigens zu seiner Überwachung abstellt. Mit Bilderstürmern und anderen Zensoren ist jederzeit zu rechnen und neuerdings auch mit Bilderstürmerinnen und Zensorinnen. Facebook hat den "Ursprung der Welt" gelöscht, ein Pariser Lehrer führt nun einen Prozess deswegen, im März soll das Urteil fallen.

Wenn es nicht um Moral und Anstand, Pornografie und Jugendschutz geht, dann um die Frau als Objekt und als Opfer, um die pornografische Zerstückelung des weiblichen Körpers, um Männerfantasien, um maskulin dominierte Machtverhältnisse. Aber müsste es nicht mindestens ebenso laut darum gehen, was Kunst darf und dürfen muss und wer das zu bestimmen hat? Hat die Kunstfreiheit Grenzen? Und werden die von Berliner Studenten definiert? Oder von wem? Führen unser neues Leben in der digitalen Empörungsdemokratie und das Veröden in selbst geschaffenen Blasen dazu, dass Toleranzschwellen sinken? Dass, was früher einfach ignoriert oder abgetan wurde, heute…

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Nr. 7/2018