Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Enger, dichter, besser

Die hohe Lebensqualität in Großstädten zieht jedes Jahr Zehntausende Menschen an. Wohnraum wird teurer, Platz knapper. Wie können die Städte ihren Erfolg bewältigen?

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Laura Backes
,
Matthias Bartsch
,
Anna Clauß
,
Markus Deggerich
,
Jan Friedmann
,
Frank Hornig
,
Barbara Schmid
und
Steffen Winter
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Gesellschaft

Eine Großstadtsiedlung aus den Fünfzigerjahren, dreigeschossige Wohnblöcke in Reih und Glied, dazwischen gepflegte Grünflächen. Schilder warnen: "Fußball- und Ballspielen ist nicht gestattet." Und mittendrin ein Stadtrat, der den Bewohnern an einem Montagabend erklären will, dass ihre Umgebung künftig ganz anders aussehen werde.

Mike Josef, Planungsdezernent in Frankfurt am Main, hat zu einem "Stadtspaziergang" durch die Platen-Siedlung im Nordwesten der Stadt eingeladen. Ab 2018, sagt er, werde in dem Quartier wieder gebaut.

Josef, 34, hat Pläne mitgebracht. Sie zeigen kantige neue Häuser, die sich als "Torbauten" wie mächtige Brücken quer über eine Siedlungsstraße spannen sollen. Er berichtet von Tiefgaragen unter den Grünflächen und von zusätzlichen Geschossen, die man auf die bestehenden Wohnblöcke setzen wolle, um Platz für mehr Einwohner zu schaffen. "Nachverdichtung" nennt Josef das. "Käfighaltung", grummelt einer der Anwohner.

Rund 30 Mieter aus dem Viertel stehen in einem Halbkreis um den Stadtrat herum, einige haben die Arme vor der Brust verschränkt, Begeisterung strahlt keiner aus. "Wo sollen denn die Bewohner von 650 neuen Wohnungen ihre Autos abstellen?", fragt einer. "Wie wirken sich die Neubauten auf das Mikroklima aus?", will seine Nachbarin wissen. "Es gibt doch schon jetzt viel zu viel Verkehr und zu wenige Schulen hier", schimpft ein weiterer Bewohner. Und ein Kommunalpolitiker von der Opposition nutzt die Gelegenheit zur Grundsatzkritik: "Die Leute haben Angst, dass jedes bisschen Grünfläche in der Stadt zugebaut werden soll."

Josef war vorher klar, dass es kein leichter Abend werden würde. Im Frankfurter Nordend streitet der SPD-Politiker mit Anwohnern und Kleingärtnern, die ihre Parzellen für ein neues Wohnquartier räumen sollen. Mehr als 9000 Unterschriften dagegen haben sie schon gesammelt. Am westlichen Stadtrand, wo derzeit noch Gerste und Roggen angebaut werden, protestieren Bauern, Naturschutzverbände und Nachbarkommunen gegen das Vorhaben, einen neuen Stadtteil für bis zu 30 000 Einwohner aus dem Boden zu stampfen. Eine der meistbefahrenen Autobahnen der Republik, die A 5, sechs- bis achtspurig, würde mitten durch das künftige Wohngebiet führen.

"Es hilft nichts, wir brauchen dringend mehr Wohnungen", sagt Josef. In jedem Jahr wachse die Stadt um 10 000 bis 15 000 Menschen. Die Preise auf dem Wohnungsmarkt explodierten. Wenn man wolle, dass auch junge Familien und Durchschnittsverdiener weiterhin in der Stadt leben können, müsse gebaut werden. Josef hält den Kritikern entgegen: "Eine Stadt muss sich entscheiden, ob sie die Kornkammer des Landes sein will oder eine Metropole."

Fast alle Metropolen und urbanen Zentren der Republik kennen diese Konflikte. In Hamburg, München, Köln, Stuttgart und Leipzig wächst die Einwohnerzahl von Jahr zu Jahr um die Größe einer Kleinstadt, in Berlin drängen seit 2011 sogar zwischen 40 000 und 50 000 Menschen pro Jahr zusätzlich in die Stadt.

In den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrtausends gab es noch die Sorge, dass Menschen massenweise aufs Land ziehen würden. Dazu kam es nicht. Stattdessen sprechen Forscher nun seit einigen Jahren von einer "Renaissance der Städte".

"Vor allem junge Menschen finden das Leben in der Stadt attraktiv", sagt Claus-Christian Wiegandt, Geograf und Städteforscher der Universität Bonn. Es biete Arbeitsplätze, Unterhaltung, Aufstiegschancen, Treffpunkte mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten, kurze Wege zwischen Arbeit und Freizeit. Nur manche Städte in Ostdeutschland und einige klassische westdeutsche Arbeiterstädte wie Bochum oder Duisburg seien noch nicht von dem Trend erfasst.

Der Siedlungsdruck in den Boomstädten zwingt die Stadtplaner und Politiker zu Kreativität und ungewöhnlichen Lösungen. In Hamburg und Frankfurt am Main wollen die Planer längere Autobahnabschnitte unter begrünten "Deckeln…

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Nr. 38/2017