Lesezeit 32 Min
Politik

Emrah und seine Brüder

Deutsche Islamisten kehren zurück aus dem Krieg in der Ferne, geläutert manche, andere noch gefährlicher als zuvor. Sozialarbeiter, Imame, Extremisten kämpfen um sie – und um unsere Sicherheit. Die Ministerien schauen dabei zu.

MILOS DJURIC / DER SPIEGEL
von
Özlem Gezer
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Politik

Als Emrah wütend war auf Deutschland, nannte er sich Schmitz und rief beim Bundeskriminalamt an. Al-Qaida, sagte er, werde den deutschen Reichstag angreifen. In jenem Herbst, 2010, telefonierte Emrah oft nach Deutschland, in seine alte Heimat, die er verlassen hatte, um gegen sie zu kämpfen, gegen den Westen, für al-Qaida.

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Islamist Emrah

Emrah wurde der erste Islamist, auf den der deutsche Innenminister hörte. Nach Emrahs Anruf ließ Thomas de Maizière den Reichstag mit Metall vergittern, an Bahnhöfen patrouillierten Polizisten mit Maschinenpistolen. Die Angst vor dem islamistischen Terror, sie hatte den Platz der Republik erreicht – und schuld daran war Emrah.

Mittlerweile ist er zurück in Deutschland, 27 Jahre alt, ein verurteilter Terrorist. Seine Reise, die in Wuppertal begann, ihn nach Asien führte, nach Afrika, endete in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt Frankfurt am Main. Ein Hochsicherheitsgefängnis, 17 Meter hohe Mauern, mit Stacheldraht und Bewegungsmeldern, kameraüberwacht. Emrah sitzt in Haus B, Erdgeschoss, elf Quadratmeter, graue Gitter vor den Fenstern, blaue Matratze, Wasserkocher, Kühlschrank und ein Radio. Mit dem deutschen Staat kommuniziert Emrah jetzt über einen Metallknopf, aus seiner Zelle.

Seitdem er zurück ist aus dem Krieg in der Ferne, hat ein neuer Kampf begonnen. Diesmal geht es um ihn, den Rückkehrer Emrah. Es geht um seine Zukunft, um die Sicherheit in Deutschland. Es ist ein Kampf, den Islamisten wie Bernhard Falk führen, Extremismusexperten wie Claudia Dantschke, Gefängnisseelsorger wie Mustafa Cimșit. Sie alle kämpfen um Emrah und seine Brüder im Geiste.

Es geht, für die einen, darum, dass Männer wie Emrah in deutschen Gefängnissen nicht neue Brüder finden, dass sie nicht rekrutieren für den Terror. Es geht, für die anderen, darum, dass der Kampf gegen alles Westliche weitergeht, dass Emrah ihn nicht aufgibt. Es geht, für Deutschland, darum, weiterhin verschont zu bleiben, darum, dass keine Vorortzüge explodieren wie in Madrid, keine Busse wie in London, dass nicht Zeitungsredaktionen exekutiert werden wie in Paris, dass nicht Menschen niedergeschossen werden wie in Brüssel. Es geht darum, dass der deutsche Staat viel will und dass er fast nichts dafür tut.

Emrah suchte Hilfe. Aus seiner Zelle schrieb er einen Brief mit blauer Tinte auf weißem Papier. Er fragte nach dieser Frau, Claudia Dantschke. Er habe sie im Fernsehen gesehen, ihre Stimme im Radio gehört. Sie könne ihm vielleicht helfen. Dantschke ist Deutschlands bekannteste Extremismusexpertin. Sie berät Joachim Gauck im Schloss Bellevue, sitzt in der Sicherheitskonferenz bei Barack Obama in Washington, sie raucht Kette, trägt gern Jeanshemd, fährt durch Deutschland und schult Gefängniswärter im Umgang mit Häftlingen wie Emrah. Sie antwortete auf den Brief.

Seit Jahren kämpft sie um junge Männer wie Emrah. Sie will sie nicht verlieren an den Krieg in der Ferne, an Extremisten in der Nähe. Aber ihre Gegner, Männer wie Bernhard Falk, ziehen am anderen Ende. Falk will Emrah und seine Brüder nicht für die Zivilgesellschaft retten: Er will sie als Soldaten für seinen Krieg.

Bernhard Falk ist ein großer Mann, der einen langen Bart trägt, schwarzes Hemd und immer dunkle Hosen, die nie über seine Knöchel reichen, damit sie – muslimischen Geboten gemäß – nicht den Dreck der Straße berühren. Falk war einmal Linksextremist, er verübte Anschläge auf deutsche Politiker, er saß dafür zwölfeinhalb Jahre lang in Haft. Das war damals, in den Neunzigern. Heute ist er wieder Extremist, Islamist diesmal, für die Sicherheitsbehörden einer der großen „Gefährder“ der deutschen Szene.

Falk fährt zu Terrorismusverfahren an deutschen Gerichten, er analysiert Richter, schreibt verurteilten Terroristen Briefe in die Zelle, sucht ihnen die richtigen Anwälte, tröstet ihre Mütter. Für Bernhard Falk ist Emrah kein Terrorist. Für Falk ist er ein „politischer Gefangener der BRD“, es klingt fast alles wie damals.

Falk will Emrah beistehen, ihn „festigen“. Emrah soll nicht glauben, dass alles ein Fehler gewesen sein könnte, er soll ihn nicht aufgeben, den Kampf gegen den Westen und das Westliche. Für Falk sind Männer wie Emrah „Strandgut“. Die Deutschen, sagt Bernhard Falk, könnten doch nicht ihre Waffen in die ganze Welt verkaufen…

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Nr. 19/2015