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„Einsam unter Menschen“

Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie – der Berliner Psychiater Mazda Adli beschreibt, wie in Städten durch sozialen Stress psychische Krankheiten entstehen.

LENA MUCHA / DER SPIEGEL
von
Veronika Hackenbroch
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Adli, 47, ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Stressforscher an der Berliner Charité. In seinem Buch "Stress and the City" berichtet er über die mentalen Folgen des Stadtlebens.

SPIEGEL: Sie haben Ihr Leben lang in Metropolen gewohnt, in Köln und Teheran, in Wien, Paris und in Berlin. Mussten Sie sich jetzt Ihren eigenen Stadtstress von der Seele schreiben?

Adli: Nein, im Gegenteil! Ich bin ein begeisterter Stadtmensch, und ich liebe Berlin sehr, diese immer noch unfertige Stadt, in der ich heute lebe. Zu Beginn meiner Forschung habe ich mich ganz allgemein für Faktoren interessiert, die unsere Stressempfindlichkeit beeinflussen. Dazu zählen zum Beispiel die Gene oder unsere Persönlichkeit. Aber darüber hinaus spielt es eben auch eine wichtige Rolle, wo wir leben. Wissenschaftliche Studien liefern klare Befunde: Städter reagieren viel empfindlicher auf Stress als Menschen, die auf dem Land wohnen.

SPIEGEL: Das Klischee vom dickfälligen Dorfbewohner und dem sensiblen und neurotischen Stadtmenschen hat also einen wahren Kern?

Adli: Ja, in gewisser Weise ist es so. Mannheimer Forscher haben vor einiger Zeit die Gehirnaktivität von Stadt- und Landbewohnern mithilfe der funktionellen Kernspintomografie untersucht. Insbesondere ging es um die Aktivität des sogenannten Mandelkerns, jener Hirnregion, die bei der Stressentstehung eine wichtige Rolle…

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Nr. 19/2017