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Kultur

"Einsam ist man sowieso"

Der Schriftsteller Martin Walser über den 8. Mai 1945, seinen literarischen Umgang mit dem Erbe von Auschwitz und die Erkenntnis, dass er die Paulskirchenrede so besser nicht gehalten hätte

ELIAS HASSOS / DER SPIEGEL
von
Martin Doerry
und
Volker Hage
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Der Dichter kommt zu Fuß. Schon eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin erscheint Martin Walser, er trägt eine leichte, etwas knittrige Jacke, das Hemd über der Hose, auf dem Kopf einen schwarzen Schlapphut. Der 88-Jährige geht langsam, aber sicheren Schrittes auf den Hof des Biergartens im Münchner Süden, einen knallgrünen Stoffbeutel in der Hand. Mit einem Lächeln begrüßt er die SPIEGEL-Redakteure, man tauscht Erinnerungen an die letzten Treffen aus, dann wird Walser an den Rand eines Wäldchens geführt und fotografiert, das Angebot, den Beutel abzulegen, nimmt er allerdings nicht an, der Beutel ist ihm wichtig.

Es ist kalt, noch kein Biergartenwetter, also geht man in den alten Gasthof hinein. Walser sagt, er sei hier so etwas wie ein Stammgast, seit er in München wohne. Sein nächster Roman spiele in der Stadt, deswegen lebe er nun hier und nicht, wie seit bald 50 Jahren, am Bodensee.

Das Interview soll beginnen, aber Walser holt erst mal ein schweres Buch aus dem Beutel: die amerikanische Ausgabe seines Romans "Ein springender Brunnen". "Das ist die erste amerikanische Übersetzung seit der Paulskirchenrede 1998", sagt er stolz. Das Buch soll etwas beweisen. Walser will sich rehabilitieren, nach all den Kränkungen der vergangenen Jahre. Mit der Paulskirchenrede, aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an ihn, hatte er sich das Image des geschichtsvergessenen bösen alten Mannes eingehandelt, eines Intellektuellen, der von den NS-Verbrechen angeblich nichts mehr hören und sehen wollte. Vollends ruiniert schien sein Ruf dann mit dem Roman "Tod eines Kritikers", 2002. Viele Leser verstanden das Buch als antisemitischen Rachefeldzug gegen Marcel Reich-Ranicki. Walser sah sich erneut missverstanden und litt.

Schließlich seine Hymne auf den jiddischen Dichter Sholem Abramovitsh, erst im vergangenen Jahr erschienen, auch sie wurde von der Kritik eher misstrauisch zur Kenntnis genommen, als Versuch einer Wiedergutmachung, einer Kompensation vergangener Ärgernisse.

Walser zieht nun noch ein zweites Buch aus dem grünen Beutel, auf dem Cover steht: "Martin Walser: Unser Auschwitz. Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld". Der Rowohlt Verlag hat diesen Sammelband mit Essays und Auszügen aus seinen literarischen Werken im…

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Nr. 19/2015