Lesezeit 36 Min
Gesellschaft

In einer kleinen Stadt

Die Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota ist typisch für das ländliche Amerika, das Trump zum Präsidenten machte. Wer sind die, die dort leben? Ein Monat unter Menschen, die sonntags für Donald Trump beten.

CLAAS RELOTIUS / DER SPIEGEL
von
Claas Relotius
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Gesellschaft

Der Bus nach Fergus Falls fährt von Minneapolis nach Norden, vorbei an zugefrorenen Seen, vereisten Strommasten und Ackerland, flach bis an den Horizont. Nach dreieinhalb Stunden biegt der Bus vom Highway ab auf eine schmale, abfallende Straße, rollt zu auf einen dunklen Wald, der aussieht, als würden darin Drachen hausen. Am Ortseingang, kurz vor dem Bahnhof, steht ein Schild mit dem amerikanischen Sternenbanner, darauf steht: "Welcome to Fergus Falls – Home of damn good folks", Heimat verdammt guter Leute.

An einem Dienstagmorgen im Januar, vier Tage nachdem Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt worden ist, steht neben dem Willkommensschild am Ortseingang noch ein zweites Schild, halb so hoch, aber kaum zu übersehen. Jemand muss es in der Dunkelheit aufgestellt haben. Auf diesem Schild, aus dickem Holz in den gefrorenen Boden getrieben, steht in großen, aufgemalten Buchstaben: "Mexicans Keep Out" – Mexikaner, bleibt weg.

Fergus Falls liegt im Westen Minnesotas, zwischen den Bundesstaaten Wisconsin und North Dakota, am nördlichen Rand der USA. Die Jahresdurchschnittstemperatur nahe der Grenze zu Kanada liegt bei plus 3 Grad Celsius, im Winter bei minus 20 Grad. Von den Hochhäusern New Yorks und den Stränden San Franciscos sind es mehr als 2200 Kilometer bis nach Fergus Falls. Von El Paso, der mexikanischen Grenze, braucht ein Auto 22 Stunden.

Wie viele Mexikaner zieht es in diese Gegend? Wer stellt hier so ein Schild auf?

Auf der Landkarte Amerikas ist Fergus Falls ein fast unsichtbarer Punkt inmitten blauer Seen. Auf diesem Fleck leben etwa 13 000 Menschen, zu 96 Prozent Weiße. Die meisten von ihnen sind hier geboren, aufgewachsen, viele haben Minnesota und den Mittleren Westen nie verlassen. 40 Jahre lang, bei zehn Präsidentschaftswahlen in Folge, stimmten die Bewohner von Fergus Falls für einen Kandidaten der Demokraten. Bei der letzten Wahl, im vergangenen November, wählten sie Donald Trump.

Da war Andrew Bremseth, der City Administrator, der ihm seine Stimme gab; er fürchtete, Hillary Clinton würde ihm seine Waffen nehmen. Da war Neil Becker, ein Arbeiter, der sein Leben lang Kohle geschaufelt hatte und eines Tages seine Partei, die Demokraten, nicht mehr verstand. Auch Maria Rodriguez, eine Mutter und Lokalbesitzerin aus Mexiko, schon vor Jahren in die USA gekommen, sah in Trump einen Retter.

Seit Trumps Wahl fragt sich die ganze Welt, wer diese Leute sind. Mal werden sie "Provinzielle" genannt und mal "Frustrierte", mal "Ungebildete", mal "Abgehängte" oder "Verlorene". Dabei kennt sie niemand. Ich habe einen Monat lang in Fergus Falls gewohnt. Ich zog in ein Zimmer am Stadtrand.

"Amerika wird wieder gewinnen – gewinnen wie nie zuvor."

Der Präsident auf Fox News

Der Mensch, der die Leute in Fergus Falls am besten kennt, sagten mir die ersten Bewohner, mit denen ich sprach, habe den wichtigsten Job im Rathaus und trage immer eine Waffe.

Sein Zimmer ist ein Raum im Erdgeschoss, im Eingang steht ein ausgestopftes Wildschwein. Er selbst sitzt hinter einem Schreibtisch, darauf läuft ein kleiner Fernseher. Es ist ein Morgen Ende Januar, auf CNN redet Donald Trump, und Andrew Bremseth, ein Mann mit jungenhaften Zügen und einem Namensschild auf der Brust, spricht von Befreiung.

"Fergus Falls hat auf Trump gewartet", sagt er, "Obama war für Banker, Schwule und Studenten da, aber nicht für ganz normale Menschen. Damit ist jetzt Schluss: Trump wird allen in den Arsch treten."

Andrew Bremseth, dunkelblondes Haar, rollender Akzent, ist 27 Jahre alt, der jüngste City Administrator in ganz Minnesota. Er trägt ein graues Kurzarmhemd, an seinem Gürtel klemmt ein Holster. Seine Pistole Beretta, Kaliber 9 Millimeter, habe ihm sein Vater zu Weihnachten geschenkt, sagt er. Er besitze zu Hause auch zwei Gewehre, damit schieße er Wildgänse, Hirsche und manchmal sogar Wölfe. Obama und Clinton hätten Waffen ohne Waffenschein verbieten wollen, aber die Menschen hier, sagt Bremseth, "lieben das Jagen, sie lieben schöne Waffen, und sie hassen Vorschriften aus Washington".

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City Administrator Bremseth: Er kennt Merkel nicht, weiß aber alles über die deutschen Kaiser

70,4 Prozent der Stimmberechtigten von Fergus Falls haben Trump gewählt. Bremseth hat das Wahlergebnis in sein Büro gehängt wie einen Beweis. Über das Schild, das vor ein paar Tagen am Ortseingang gestanden hatte, "Mexicans Keep Out", redet er nicht gern. Er selbst habe es nicht mit eigenen Augen gesehen, sagt er. Wahrscheinlich waren es nur dumme Kinder, sagt er, "Mexikaner sind hier sehr willkommen".

Andrew Bremseth ist in Fergus Falls geboren und zur Highschool gegangen. Damals, so erzählt er, wählten noch alle die Demokraten. Er…

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Nr. 13/2017