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Gesellschaft

Einer für alle

Ein deutscher Unternehmer will Buße tun für das Kohlendioxid, das er im Laufe seines Lebens in die Atmosphäre geblasen hat. Er will bis zu seinem Todestag eine positive Ökobilanz vorweisen. Ist er ein Spinner, ein naiver Idealist oder ein Vorbild?

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

An einem Morgen im Mai sitzt Dirk Gratzel auf einem grob gezimmerten Hochsitz am Rand einer Lichtung, sein Gewehr auf den Knien. Der Tag dämmert über der Eifel heran, die ersten Vögel werden bald zwitschern, und Gratzel trägt ein Nachtsichtgerät, das ihn aussehen lässt wie einen Cyborg, einen Besucher aus der Zukunft.

Er dreht den Kopf langsam von links nach rechts, sieht weiß leuchtende Schatten über die Lichtung jagen, es sind Hasen; am Waldrand steht ein Rehbock, und wenig später, halb verdeckt von Bäumen, schiebt sich grunzend eine Rotte Wildschweine durchs Unterholz. Zu weit weg, um sie zu schießen.

Es ist unglaublich still hier draußen und unglaublich dunkel. Keine Straßenlaterne ist zu sehen, kein Auto zu hören, nur ein Hund, der in der Ferne bellt. Wäre da nicht Gratzels Nachtsichtgerät, es gäbe keinen Hinweis darauf, dass er sich im 21. Jahrhundert befindet. »Hier im Wald nahm meine Idee Form an«, sagt Gratzel, das Nachtsichtgerät nun hoch auf der Stirn und den langen schmalen Körper hineingefaltet in den engen Hochsitz. Gratzel räuspert sich, als sei ihm der Satz unangenehm, als sei er ein Geständnis, das dazu führt, dass er in eine Ecke gestellt wird mit sentimentalen Romantikern, mit Leuten, die Bäume umarmen.

Gratzel ist 50 Jahre alt, promovierter Jurist, war früher Unternehmensberater, und seit acht Jahren führt er sein eigenes Unternehmen. Es trägt den Namen Precire Technologies; Gratzels Mitarbeiter haben eine Software entwickelt, die verlässlich psychologische Profile erstellt, nach nur zehnminütigem Small Talk mit einem Computer. Firmen nutzen diese Software auch, um Bewerber zu beurteilen, das taugt als Stoff für gesellschaftliche Dystopien. Gratzel ist kein Romantiker, er ist Realist, stellt sich einer Wirklichkeit, der sich die meisten Deutschen noch verweigern.

Das Klima verändert sich und mit ihm die Welt, auf schwer vorhersehbare Weise, aber kaum z um Besseren. Die Menschheit verbrennt weiter Kohle, Öl und Holz, pumpt unverdrossen immer mehr CO2 in die Atmosphäre und verstärkt den Treibhauseffekt. Mehr Energie sammelt sich in der Luft, entlädt sich als Gewitter, Platzregen, als Wirbelsturm. 41 Millionen Menschen in Südasien litten im vergangenen Jahr unter den Folgen schwerer Überschwemmungen durch den Monsun. 900 000 Afrikaner vertrieb die Dürre von ihren Höfen, das…

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Nr. 34/2018