Lesezeit 12 Min
Politik

Eine Zeit des Zerfalls

Nach dem Anschlag auf eine Friedensdemonstration ist das Land tief gespalten. Präsident Erdoğan schürt den Hass seiner Anhänger auf die prokurdische Partei HDP, seine Kritiker beschuldigen ihn der Komplizenschaft mit dem IS.

CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
und
Christoph Reuter
Lesezeit 12 Min
Politik

Der Platz leert sich. Tag für Tag, Stunde für Stunde. Sabri Batur harrt trotzdem weiter vor dem Eingang zum Forensischen Institut in Ankara aus. Seit Tagen fragt er die Ärzte vergebens: Was ist aus meiner Frau geworden? Eine Antwort hat er bislang nicht bekommen.

Fast hundert Menschen starben, und mehrere Hundert wurden zum Teil schwer verletzt, als sich vergangenen Samstag auf einem Friedensmarsch in der türkischen Hauptstadt vermutlich zwei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten. Die Gerichtsmediziner haben inzwischen einen Großteil der Leichen identifiziert, doch von Sabri Baturs Frau gibt es nach dem Anschlag keine Spur.

Fatima Batur, 35 Jahre alt, Lokalpolitikerin aus Alanya im Süden der Türkei, Mutter zweier Kinder, nahm am 10. Oktober an der Demonstration in Ankara teil. Sie telefonierte per Handy mit ihrem Mann in Alanya, als um 10.04 Uhr die erste von zwei Bomben detonierte. Sabri Batur hörte den Knall. Dann brach die Verbindung ab. Das Fernsehen zeigte Bilder von dem Attentat: Tote und Verwundete lagen auf den Straßen. Überall war Blut. Später sollte Batur erfahren, dass die Verletzten in Ankara noch auf Krankenwagen warteten, als schon Polizisten herbeieilten und mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Terroropfer vorgingen.

Der schwerste Anschlag in der jüngeren türkischen Geschichte versetzte das Land für einige Tage in Schockstarre. Nun mischt sich in die Trauer um die Toten zunehmend Zorn. Warum, fragen regierungskritische Türken, konnte der Staat, dessen Geheimdienst allmächtig erscheint, das Massaker im Zentrum der Hauptstadt nicht verhindern? Warum wurde die…

Jetzt weiterlesen für 0,90 €
Nr. 43/2015