Lesezeit 15 Min
Politik

„Eine Welt von Fleischfressern“

Außenminister Sigmar Gabriel über den Sehnsuchtsort Deutschland, den Konflikt zwischen Werten und Interessen, den Einfluss Chinas in Europa und die Proteste in Iran

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL
von
Christiane Hoffmann
und
Klaus Brinkbäumer
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Politik

SPIEGEL: Herr Außenminister, beginnen wir das neue Jahr mit Visionen: Wenn Sie sich die deutsche Außenpolitik 2028 vorstellen – wie wird diese aussehen?

Gabriel: Ich hoffe, dass sie Teil einer europäischen Außenpolitik sein wird, denn selbst dieses kräftige Land Deutschland wird keine wirkliche Stimme in der Welt haben, wenn es nicht Teil einer europäischen Stimme ist.

SPIEGEL: Was werden die Kernpunkte dieser europäischen Außenpolitik sein?

Gabriel: Sicher ist, dass wir eine Außenpolitik brauchen, bei der wir gemeinsam europäische Interessen definieren. Bisher definieren wir häufig europäische Werte, bei der Definition gemeinsamer Interessen sind wir viel zu schwach. Um einem Missverständnis gleich vorzubeugen: Unsere Werte Freiheit, Demokratie, Menschenrechte dürfen wir nicht kleinmachen. Im Gegenteil. Aber der Politologe Herfried Münkler hat recht: Nur normative Positionen zu beziehen, nur Werte in den Mittelpunkt zu stellen wird in einer Welt von lauter harten Interessenvertretern nicht erfolgreich sein. In einer Welt voller Fleischfresser haben es Vegetarier sehr schwer.

SPIEGEL: Gelernt hat Deutschland diese politische Härte nicht.

Gabriel: In der Vergangenheit konnten wir uns darauf verlassen, dass Franzosen, Briten und allen voran die Amerikaner unsere Interessen in der Welt durchsetzen. Wir haben ja immer die USA als Weltpolizisten kritisiert, oft durchaus auch mit Recht. Aber heute merken wir, was passiert, wenn die USA sich zurückziehen. Es gibt in der internationalen Politik eben kein Vakuum. Wenn die USA einen Raum verlassen, treten andere Mächte sofort hinein. In Syrien sind das Russland und Iran. In der Handelspolitik ist es China. Diese Beispiele zeigen: Am Ende erreichen wir beides nicht mehr, die Verbreitung unserer europäischen Werte ebenso wenig wie die Durchsetzung unserer Interessen.

SPIEGEL: Sind Sie sich eigentlich sicher, dass sich die USA an die Bündnisverpflichtung nach Artikel 5 der…

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Nr. 2/2018