Lesezeit 21 Min
Gesellschaft

Eine Stadt räumt auf

Duisburg hat viele Probleme: Schrottimmobilien, Armutsflüchtlinge, Arbeitslosigkeit. Viertel wie Marxloh gelten als No-go-Area. Nun reicht es den Bewohnern.

DOMINIK ASBACH / DER SPIEGEL
von
Katja Thimm
Lesezeit 21 Min
Gesellschaft

Mit einem wie Herrn Bönig hatten sie nicht gerechnet. Ein Deutscher, 77 Jahre alt, Mieter aus vergangener Zeit. Dünn steht er in der Türöffnung der Wohnung, zweieinhalb Zimmer, kein Balkon, seit mehr als 40 Jahren lebt Herr Bönig hier. Nun drängen sich im Treppenflur uniformierte Männer und Frauen. Der alte Mann fand es nicht immer schön in diesem Haus, vor allem in letzter Zeit. Aber ein Ende wie dieses?

"Es ist, wie es ist", dringt ihm die Stimme der Staatsgewalt in die Ohren, der Ton klingt eilig, wenn auch freundlich. "In vier Stunden wird geräumt. Sie müssen jetzt das Nötigste zusammenpacken."

"Das Nötigste?" Herr Bönig hat gerade Graupensuppe auf den Herd gestellt, er freut sich auf das Mittagessen. "Geräumt?", fragt er weiter. "Aber ich habe eine Katze. Wo sollen wir denn hin?" Kopfschüttelnd hebt er an, die Wohnungstür zu schließen.

Doch, doch, sagt der Uniformierte. Wie es mit Verwandten oder Bekannten aussehe, die ihm jetzt helfen könnten? Herr Bönig, durch dessen fadenscheinige Socke sich der große Zeh schiebt, braucht einige Minuten, bevor er versteht, dass dieser Trupp es ernst meint. Er hat von Augenblicken wie diesem gehört, die Alteingesessenen im Viertel sprechen in letzter Zeit häufig davon. "Ich habe einen Kumpel", sagt er schließlich tonlos, "den könnte man anrufen. Aber mein Telefon ist kaputt."

Ein Vormittag im Westen Deutschlands, mitten in Duisburg-Marxloh. Polizisten, Feuerwehrleute, Mitarbeiter des Ordnungsamtes und des Jobcenters, Angestellte des TÜV und der Stadtwerke sind unterwegs, um als "Taskforce Problemimmobilien" Gebäude zu kontrollieren, die als prekäre Unterkünfte auf einer Liste der Einsatzleiterin stehen. Drei Jahre lang schon erlaubt das Wohnungsaufsichtsgesetz in Nordrhein-Westfalen solche unangemeldeten Besuche. 23 Häuser hat Daniela Lesmeisters Trupp seit dem vergangenen Herbst begutachtet, 20 umgehend geschlossen.

Auch dieses Mal urteilt die Ordnungsdezernentin schnell: Löcher im Dach, undichte Wohnungstüren, überall fehlender Brandschutz – "Gefahr im Verzug!" Es trifft, neben Herrn Bönig, noch 21 Erwachsene und 31 Kinder. Er kennt sie kaum; die Mitbewohner in dem grauen Eckhaus, Familien aus Bulgarien und Rumänien, haben in den vergangenen Jahren immer wieder gewechselt.

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Mieter Bönig

"Wir haben rund um diese Häuser riesige Probleme", sagt die Ordnungsdezernentin, die in einem wetterfesten Anorak auf dem Bürgersteig Position bezogen hat. "Viele gehören zu einem kriminellen Geschäftsmodell. Und die baulichen Mängel und Risiken, die wir feststellen, erlauben es, sofort einzugreifen."

Was sie dann beschreibt, klingt wie der überzeichnete Plot eines Mafiafilms. Er ließe sich so oder ähnlich auch aus anderen Großstädten mit billigen Häusern und Problemquartieren erzählen.

Windige…

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Nr. 34/2017