Lesezeit 16 Min
Politik

Eine schönere Welt

Mossul, einst Stadt der Bücher und des Wissens, ist endlich befreit von der Barbarei des IS. In den Ruinen sucht ein Bibliothekar nach unverbrannten Schriften und ein Major nach Rache.

CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL
von
Jonathan Stock
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Politik

Sein Leben sei nicht so wichtig, sagt der Bibliothekar von Mossul, er sei nur da, um die Bücher zu schützen. Er ist mit einem Auto gekommen, das Einschusslöcher aufweist und dem die Scheiben hinten fehlen. "Der Krieg", sagt er entschuldigend. Nasser Hajjar ist ein kleiner Mann, leicht untersetzt, er trägt ein kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln, er redet leise, und man merkt ihm an, dass er nicht häufig unter Menschen ist. Er bittet einzusteigen, und wenn jemand fragt, so solle man nicht sagen, man sei Journalist, sondern nur ein Gast, der zum Essen eingeladen ist.

Schweigend fährt er durch die zerstörten Straßen Mossuls. Drüben auf der anderen Seite des Flusses wird noch gekämpft, steigen die Rauchwolken der Luftschläge in den Himmel, hört man die Detonationen der Granaten. Der Bibliothekar wirkt so, als denke er an etwas anderes. Dann fängt er an zu erzählen, von einem alten Buch, der letzten Kopie einer Biografie von Saladin, dem größten aller Helden der islamischen Welt, einer Ausgabe des 18. Jahrhunderts, die Seiten brüchig von der Zeit. Saladin, sagt Dr. Hajjar, stehe für eine Zeit, in der Moral und Herrschaft noch kein Widerspruch waren. Es stand in seiner Bibliothek, und obwohl er auch die Werke von Dante, Shakespeare, Nietzsche, Orwell oder Goethe kannte und liebte, dieses Buch war sein liebstes. Und die Frage, die den Bibliothekar nachts wachhielt, war, ob es verbrannt ist, in den Feuern des Krieges, oder ob es jemand gefunden hat. Wenn nur dieses Buch bleibe, sagt er, wenn nur dieses Buch überlebe, dann sei alles gut.

Der Major ist leicht zu finden. Seine Polizeistation liegt östlich der Ruinen von Ninive, in dem besetzten Haus eines Dichters. Es riecht hier nach Männerschweiß, verbranntem Plastik und Zementstaub. Major Hazim Farih arbeitet seit drei Jahren immer kurz hinter der Front. Er habe 25 IS-Kämpfer eigenhändig erschossen, sagt er, mehrere Hundert gefangen genommen, und er ist viermal verwundet worden, zweimal durch eine Mine, einmal von einem Selbstmordattentäter und einmal durch den Splitter einer Granate. Auf seiner Uniform prangt ein Stern, wenn seine Männer in sein Büro treten, dann schlagen sie die Hacken auf den Boden. Und wenn er auf Patrouille fährt und seine schusssichere Weste anzieht, braust eine Kolonne…

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Nr. 30/2017