Lesezeit 12 Min
Verbrechen

Ein verdammtes Leben lang

43 Jahre büßt ein Straftäter im Gefängnis, weil Gutachter ihn für gefährlich hielten. Jetzt stellt sich heraus, dass sie nur voneinander abschrieben.

ERIC VAZZOLER / DER SPIEGEL
von
Gisela Friedrichsen
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Verbrechen

Lautlos öffnet sich eine unscheinbare Tür in der Mauer. Dieter Rothmann(*) tritt auf die Straße. Er ist 64 Jahre alt, von mittlerer Größe und trägt ein blaues Hemd und Jeans, die fast zu weit sind für seine schmale Gestalt. Er sieht älter aus, als er ist, mitgenommen und kraftlos. Seine Haare waren einst so feuerrot, dass er deswegen in der Schule gehänselt wurde. Jetzt ist er grau. Die ersten Schritte aus der Anstalt heraus sind ungelenk. Unsicher überquert er die Straße. "Künstliche Knie", erklärt er, "ich habe keinen Halt mehr."

Er betritt ein Café, bestellt einen Espresso und dreht sich eine Zigarette. Seine Finger sind vom Tabak bräunlich verfärbt. Dann beginnt er zu erzählen.

Zum Beispiel die Sache mit dem Handy. Er kann es nicht bedienen. "Ich bin mit einem solchen Gerät nicht aufgewachsen", entschuldigt er sich. Wie es funktioniere, habe ihm keiner gezeigt. Trotzdem muss er ein Handy haben, musste es sich selbst kaufen. Denn die Anstalt schreibt vor, dass er jetzt, wenn er draußen unterwegs ist, jederzeit erreichbar zu sein hat.

Drinnen dürfte er es ohnehin nicht benutzen, selbst wenn er damit umgehen könnte. Denn in der Anstalt wird das Handy weggeschlossen. Die Aufbewahrung kostet ihn 30 Euro im Monat. Viel Geld für einen Häftling, der seit 43 Jahren im Knast sitzt. Für einen Mörder.</absatz><absatz>Im Februar kam er in den offenen Vollzug. Seit dem 15. Mai darf er erstmals ohne Begleitung die Anstalt von 7 bis 21 Uhr verlassen. "Niemand hat mir gesagt, wie es heute auf einer Bank zugeht oder bei den Behörden. Niemand ist mir bei…

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Nr. 32/2016