Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Ein süßer Sieg

Die Welt steht kurz davor, die Kinderlähmung auszurotten. Indien ist poliofrei, Afrika könnte bald folgen. Es ist ein Triumph der Vereinten Nationen - und die Geschichte eines kleinen Mädchens. 

DER SPIEGEL
von
Vivian Pasquet
Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Als Abdul Shah an einem Abend im Januar 2011 nach Hause kommt, ist das Virus schon da. Shah hat den ganzen Tag Stoffe bestickt und sie an Unterhändler in Kalkutta übergeben, 50 Kilometer von seinem Dorf entfernt, das so klein ist, dass es noch nicht einmal einen Namen trägt. Er sitzt auf dem Boden seiner Hütte, vor sich seine Tochter, Rukhsar Khatoon, 18 Monate alt, die im Laufe des Tages erst Durchfall und dann Fieber bekam.

Abdul Shah weiß nicht, wie hoch die Temperatur ist, aber sie ist hoch. Beunruhigt ist der Vater noch nicht, nicht mehr als sonst. Rukhsar ist häufig krank, ein Sorgenkind. Seit ihrer Geburt isst sie weniger als andere Kinder, wächst langsamer, schläft schlechter. Manchmal wirkt das Kind so zerbrechlich wie eine Glaskugel.

Der Vater ahnt nicht, dass zu diesem Zeitpunkt der Körper des Mädchens schon mit einem Virus kämpft, das sich rasend schnell in ihm vermehrt. Erst in der Speiseröhre, später im Magen, dann im Darm. Von dort wandert es in das Rückenmark, den Ort, durch den die Nerven laufen.

Als das Fieber sinkt, beginnt die Lähmung.

Mit 18 Monaten, einem Alter, in dem andere Kinder längst laufen, hört Rukhsar damit auf. Und jetzt, Tage später, trägt der Vater seine Tochter zu der kleinen Krankenstation im Dorf. Da hängt Rukhsars Bein schon schlaff und fremd an ihrem Körper, als wäre ein Faden an einer Marionette gerissen.

Der Arzt fragt den Vater: "Abdul, hast du dein Kind gegen Polio impfen lassen?" Abdul Shah bekommt Angst. Polio. Kinderlähmung. Er weiß, was das bedeutet. Immer wieder kommen Impftrupps in sein Dorf, klopfen an jede Tür, verabreichen jedem Kind zwei Tropfen Schluckimpfung. Doch Rukhsar erschien ihm jedes Mal zu schwach; als einziges seiner Kinder hat er sie nie impfen lassen.

Abdul schüttelt den Kopf. Der Arzt legt ein Röhrchen mit Rukhsars Stuhlprobe in eine Styroporbox und sendet es gekühlt nach Kalkutta.

An jenem Januartag im Jahr 2011 beginnt am äußersten Rand Indiens das Ende einer Seuche, verursacht durch das Virus namens Polio. Abdul Shahs Tochter wird nicht sterben, sie wird leben. Und nach ihr wird kein weiterer Mensch in Indien an der Kinderlähmung erkranken. Es wird das Ende eines Kampfes sein, über den später nicht nur in Indien gesprochen werden wird; nicht nur in Mumbai, Kalkutta oder Delhi, sondern auch in Genf, Karatschi oder Atlanta. Über Rukhsar Khatoon, die letzte Polio-Patientin Indiens.

Schon wenige Tage nachdem der Arzt die Stuhlprobe verschickt hat, trifft im Untergeschoss eines Tennisklubs in Delhi, 1300 Kilometer…

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Nr. 36/2015