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Gesellschaft

Ein Schiff wird kommen

Ein Roman von 1973, der den Untergang Europas beschwört, ist zur Bibel der Neuen Rechten geworden. Es ging um den Schiffbruch von Flüchtlingen. Die Geschichte wurde wahr, die Gestrandeten leben heute in Deutschland.

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
von
Alexander Smoltczyk
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Gesellschaft

Und sie zogen herauf auf die Breite der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt.
Offenbarung des Johannes

Das Wrack der "East Sea" liegt fast tausend Meter tief in einer Rinne am Meeresboden, gleich außerhalb der französischen Hoheitsgewässer. Die genaue Position ist den Freizeittauchern an der Côte d'Azur bekannt, aber von begrenztem Interesse, weil unerreichbar tief. Das Schiff "East Sea" fuhr unter der Flagge Kambodschas, ein 70 Meter langes, mit Ladebaum und zwei Luken versehener Stückgutfrachter. Auf ihm ließen sich Fässer und Ballen laden, Kisten und bei Bedarf auch Menschen.

In den frühen Morgenstunden des 17. Februar 2001 schob sich die "East Sea" steuerbordseitig mit voller Kraft und einem höllischen Kreischen des Metalls zwischen zwei Felsen vor Boulouris, einem Vorort von Saint-Raphaël.

Ein von der Sonne besonders gut angestrahltes Schiff, zernagt vom Zahn der Zeit, vom Wetter, vom Rost, von mangelnder Pflege, von diversen Unfällen, mit einem Wort: vom Elend. Vielleicht hielt es auch niemand an Bord für nötig, sich noch um irgendetwas zu kümmern, da nun der Exodus an den Toren des neuen Paradieses sein Ende gefunden hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Besatzung der "East Sea" das Schiff bereits aufgegeben und die Brücke verlassen. Nur die Maschinen arbeiteten weiter, und die Schrauben quirlten am Heck das dunkle Wasser weiß. Im Frachtraum rappelte sich die Ladung auf. 908 Passagiere, zum Großteil Kurden, darunter 182 Frauen und 480 Kinder, von denen 3 auf See zur Welt gekommen waren. Neun Tage waren sie unterwegs, von Beirut aus. Der Schiffbruch war kein Unfall, die Havarie lange geplant.

Ähnliches würde noch oft passieren. Aber damals hatte das Jahrhundert gerade begonnen, und es war eines der ersten Male, dass ein mit Flüchtlingen überladenes Handelsschiff ungefragt an dieser Küste Europas anlandete. Dem 17. Februar 2001 würde bald der 11. September folgen. Beides Ereignisse, die die Zeit bis heute bestimmen sollten.

Mit einem Schlag hatten sich die Decks mit Männern, Frauen, Kindern gefüllt, die seit der Abfahrt in einer Kloake aus Dreck und Scheiße mariniert worden waren; mit einem Schlag kotzten die geöffneten Luken eine Masse ins Sonnenlicht. Der resultierende Gestank war so massiv, dass man glaubte, ihn buchstäblich sehen zu können.

Wie eine endlose Kaskade aus flüssig gewordenen Körpern. Die Schiffe quollen über wie volle Badewannen. Die Dritte Welt trat über die Ufer, und der Westen diente ihr als Abflusskanal.

Schon in den ersten fünf Minuten dieses kürzesten Tages zeigte sich deutlich, dass sich die Menge seltsamerweise keinerlei Gedanken zu machen schien, ob dieses Land, das sie besetzte, einen rechtmäßigen Besitzer…

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Nr. 3/2018