Lesezeit 14 Min
Geschichte

„Ein Schauspieler im Kreml“

Die Historikerin Susanne Schattenberg erkundet Leonid Breschnew, den Menschen hinter dem KP-Apparatschik, und erzählt zugleich die Geschichte der Sowjetunion neu.

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL
von
Klaus Wiegrefe
und
Martin Doerry
Lesezeit 14 Min
Geschichte

SPIEGEL: Frau Professorin Schattenberg, Leonid Breschnew hat 18 Jahre lang die Sowjetunion regiert, er gilt als eher langweiliger Funktionär und Kalter Krieger. Warum haben Sie sich ausgerechnet mit diesem Mann so gründlich beschäftigt?

Schattenberg: Weil das, was Sie sagen, so nicht stimmt. Breschnew hat viel bewegt, er hat die Gesellschaft nach Stalins Terror und Chruschtschows Reformchaos befriedet und jenen kleinen Wohlstand geschaffen, für den viele Russen ihn noch heute verehren. Was zunächst als Stabilität angesehen wurde, wird erst jetzt als Stagnation und Niedergang bewertet. Wenn wir heute über die Sowjetunion sprechen, meinen wir jene der Breschnew-Ära.

SPIEGEL: Die Westdeutschen empfanden ihn damals als Bedrohung, weil er die Sowjetunion mit SS-20-Raketen hochrüstete und 1979 in Afghanistan einmarschierte.

Schattenberg: Auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Die Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt sowie US-Präsident Richard Nixon beschrieben ihn als charmant, zugewandt und vor allem ernsthaft um Frieden bemüht. Und bis 1975 sah es auch wirklich super aus: Es gab die Neue Ostpolitik mit Brandt, mit den USA unterzeichnete er Abrüstungsverträge, beide Seiten einigten sich auf die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, den Vorläufer der heutigen OSZE. Erst danach änderte sich das Bild.

Zur Person

Susanne Schattenberg, 48, lehrt osteuropäische Geschichte an der Universität Bremen. Für ihre Biografie "Leonid Breschnew. Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins" (Böhlau; 661 Seiten; 39 Euro) hat sie Breschnews Notizbücher ausgewertet und in…

Jetzt weiterlesen für 0,93 €
Nr. 1/2018