Lesezeit 17 Min
Gesellschaft

Ein rechtes Rätsel

Lange galt Sachsen als der ostdeutsche Musterstaat – heute bestimmen Pegida-Aufmärsche, Ängste und Anschläge das Bild des Bundeslandes. Was ist da los?

DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
,
Andreas Wassermann
und
Steffen Winter
Lesezeit 17 Min
Gesellschaft

Horst Hirsch hat alles vorausgesehen. Hat davor gewarnt, dass Deutschland wie Duisburg oder Köln werde. Dass es überfremde. Und gefragt: "Wollen wir, dass wir ein islamischer Staat werden?"

Das war nicht nach der Silvesternacht von Köln. Das war vor mehr als einem Jahr, am 21. Januar 2015. Hirsch, 72, war einer von 300 sächsischen Bürgern, die im Dresdner Kongresszentrum mit Politikern über Asyl und Integration diskutieren sollten. Seit Wochen marschierte Pegida auf den Straßen der Landeshauptstadt, die Staatsregierung wollte gegensteuern und suchte den Dialog mit dem renitenten Volk. Das Losglück verschlug Hirsch, der am Rande des Erzgebirges lebt, an den Tisch von Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU).

Es war der Abend, an dem Hirsch sagte, er habe die tiefe Sorge, heimatlos zu sein im eigenen Land, und fürchte die "militante Ideologie des Islam". Es war auch der Abend, an dem Tillich an seinem Tisch 26 erstmals ein klares Statement abgab: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland."

Ein Jahr später zweifelt der sächsische Ministerpräsident zwar nicht an seiner damaligen Aussage, aber an seinem Land. Es ist ein sonniger Vormittag Ende Januar in Dresden, auf den Elbwiesen liegt noch Reif. Tillich öffnet das Fenster in seinem Büro in der Staatskanzlei, er braucht frische Luft.

Jeden Montag muss Tillich erleben, wie Tausende Landsleute durch die historische Altstadt unter der Pegida-Fahne spazieren. Viele Menschen sind darunter, die immer CDU gewählt haben, sie nennen jetzt Tillich in Nazidiktion einen "Volksverräter". Der Ministerpräsident fühlt sich einsam an solchen Tagen. Wo sind die Kirchen, die Gewerkschaften, die Unternehmer und Künstler? Warum stellen sich so wenige Pegida entgegen? "Die ganze Gesellschaft ist gefordert", sagt Tillich.

Seit mehr als zwölf Monaten protestieren seine Bürger fast jeden Montag gegen den Untergang des Abendlandes, und auch 2016 wollen sie Ausdauer beweisen; bis Ende März haben die Pegida-Organisatoren Plätze in der Innenstadt für ihre wöchentliche Kundgebung reserviert.

Was ist nur mit den Sachsen los? Es ist ein rechtes Rätsel, das den Landesvater beschäftigt, den Rest der Republik verstört – und nun auch weltweit irritiert. Auf dem Cover des US-Magazins "Time" erschien ein düsteres Dresden: Pegida-Demonstranten schwenkten Deutschlandfahnen vor der historischen…

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Nr. 8/2016