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Wirtschaft

Ein krankes Haus

Der Klinikkonzern Asklepios hat sich den Ruf eines gnadenlosen Renditetreibers erarbeitet, der Gewinne auf dem Rücken von Ärzten, Pflegern und Patienten macht. Auf vielen Stationen regieren Druck und Angst. Die Politik versagt.

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL
von
Kristina Gnirke
,
Isabell Hülsen
und
Martin U. Müller
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Die Patienten auf der Station H1 der Hamburger Asklepios-Klinik-St. Georg brauchen besondere Pflege. Sie haben Krebs. Manche verbringen hier ihre letzten Tage, mit einem Tumor im Bauch oder in der Lunge. Sie erbrechen, weil ihnen nach der Chemotherapie übel wird. Sie bekommen ihr Essen über eine Sonde oder Sauerstoff durch einen Schlauch. 31 schwerstkranke Patienten liegen hier. Manchmal brauchen sie bloß eine Hand, die sie festhalten können, wenn es zu Ende geht.

Es sollte ein Ort der Würde sein.

Eigentlich.

Anfang Juni schrieben die Schwestern und Pfleger der Station einen zweiseitigen Brief an die Leitung der Klinik und an den Betriebsrat. Es ist ein Dokument der Verzweiflung. "Wir sind erschöpft, überarbeitet und ausgelaugt", heißt es da. Schlimmer noch: Der Personalmangel gefährde Patienten, das "sollte Ihnen (hoffentlich) allen bewusst sein. Wir arbeiten hier mit schwer kranken Menschen zusammen und nicht mit leblosen Gegenständen".

Was, wenn zwei Patienten gleichzeitig klingeln, denen Schleim aus der Luftröhre gesaugt werden muss? "Wir können uns nicht teilen. Während wir also den ersten Patienten absaugen und hoffen, dass der zweite so lange allein zurechtkommt, klingelt eine weitere Patientin. Sie hat erbrochen und hat mit starker Übelkeit zu kämpfen. Sie selbst und auch das Bettlaken müssen gesäubert werden. Außerdem warten zeitgleich Leute auf ihre Medikamente, das Abendessen und die Blutzuckermessung." Der Alltag auf der Station: Patienten und Angehörige weinen, verwirrte Patienten fallen aus dem Bett.

Für die Nachtschicht unter der Woche wurde inzwischen eine Zeitarbeitskraft engagiert. Asklepios sagt, eine Patientengefährdung bestehe nicht. Nachts sind sie nun immerhin zu zweit auf der Station. Mehr als das Notwendigste aber ist auch damit kaum zu schaffen.

Dieses Krankenhaus, das AK St. Georg, war einmal ein Klinikum, auf das Hamburg stolz war. Obdachlose wurden hier vorbehaltlos versorgt und zugleich Hochleistungsmedizin auf dem Niveau einer Uniklinik betrieben. St. Georg, unweit der Alster und gleich neben dem Drogenstrich, nahm seine soziale Verantwortung wahr und war auch deshalb hoch verschuldet.

Vor zwölf Jahren beschloss die Stadt Hamburg, die Mehrheit an ihrem Landesbetrieb Krankenhäuser, kurz LBK, an den privat geführten Asklepios-Konzern zu verkaufen. Dazu gehörten das AK St. Georg und sechs weitere Kliniken, die zu einem Spottpreis abgegeben wurden: Hauptsache, weg. Seither lassen sich hier die gnadenlose Ökonomisierung der Gesundheit und ihre Folgen wie unter einem Brennglas studieren: Pflegekräfte werden in erster Linie als Kostenfaktor betrachtet, Ärzte am Gewinn gemessen und Patienten vor allem als Fallpauschale behandelt.

Interne Dokumente zeichnen das Bild eines Konzerns, der Medizin managt wie eine Wurstwarenfabrik. Dahinter steht ein großes Ziel, ein finanzielles: In diesem Jahr sollen die Kliniken in Hamburg eine Gewinnmarge vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von fast zwölf Prozent schaffen – in einem System, das große Gewinne eigentlich nicht vorsieht. In den nächsten zwei Jahren plant Asklepios jedes Jahr rund einen Prozentpunkt mehr.

Wie soll das gehen? Schon jetzt wird gepresst und gequetscht, und überlastete Pflegekräfte und Ärzte warnen mit Gefährdungsanzeigen und Brandbriefen vor der Gefahr für Patienten.

Asklepios ist auch ein Sinnbild für das Versagen der Gesundheitspolitik: Sie zwingt Krankenhäuser, Profit zu machen, weil sich die Politik um ihren Teil der Finanzierung einfach drückt. Medizin ohne wirtschaftlichen Druck gibt es deshalb in keinem Krankenhaus mehr, egal ob öffentlich, gemeinnützig oder Teil eines privaten Konzerns. In fast allen privaten Klinikketten, ob bei Helios, Sana oder Schön, werden Gewinnmargen um die zwölf Prozent und mehr verlangt, herrschen strenges Kostenregiment und hoher Druck auf Ärzte und Pfleger. Die Verwerfungen eines durch und durch ökonomisierten Gesundheitswesens, es gibt sie nicht nur bei Asklepios.

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Nr. 51/2016