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Politik

„Ein katastrophaler Fehler“

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder über die Vorbedingungen des Holocaust - und die gefährlichen Folgen unbedachter Nahostpolitik

ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL
von
Tobias Rapp
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Politik

Kaum ein anderer füllt die Rolle des streitbaren Intellektuellen gegenwärtig mit solcher Leidenschaft aus wie Snyder, 46, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Yale. Mit "Bloodlands" (2010), einem Buch über Hungersnöte und staatlich gelenkte Vernichtungsfeldzüge im Osteuropa der Dreißiger- und Vierzigerjahre, wurde Snyder bekannt. Vor allem deutsche Historiker warfen ihm damals vor, den Holocaust in einer allgemeinen Gewaltgeschichte aufgehen zu lassen. "Black Earth", Snyders neues Buch, ist als Reaktion auf diese Debatten entstanden.* Der britische "Guardian" nannte "Black Earth" die "wahrscheinlich beste und rücksichtsloseste Analyse der osteuropäischen Kollaboration", allerdings "entgleise" Snyders Analyse, wenn es um Konsequenzen für die Gegenwart gehe. Der "New Yorker" würdigte das Werk als großen Versuch, neu über den Holocaust nachzudenken.

*Das Buch

Timothy Snyder: „Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann“. C.H. Beck Verlag, München; 488 Seiten; 29,95 Euro. 

SPIEGEL: Herr Snyder, der Untertitel Ihres neuen Buchs "Black Earth" lautet: "Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann". Ist die Lage so dramatisch?

Snyder: Ich versuche in meinem Buch, eine Geschichte des Holocaust zu schreiben und diese Geschichte zu interpretieren. Ich sage nicht: Wir sind auf…

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Nr. 44/2015