Lesezeit 18 Min
Gesellschaft

„Ein extremer Eingriff“

Die Mitarbeiter des Hamburger Kinder- und Jugendnotdienstes wollen Eltern helfen und Kinder schützen – und müssen entscheiden: Wann schreiten sie ein, weil die Gefahr zu groß ist?

JAN FEINDT / DER SPIEGEL
von
Beate Lakotta
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Gesellschaft

Alle Eltern haben das Recht und auch die Pflicht, für ihre Kinder zu sorgen. Sind sie dazu nicht imstande, muss der Staat helfen. Bei "dringender Gefahr" nehmen Jugendämter die Kinder oder Jugendlichen sogar in Obhut. Aber wann ist die Gefahr dringend? Und wie erfährt die Behörde davon? In Hamburg gibt es seit 1983 den Kinder- und Jugendnotdienst. Bürger sollen nicht wegsehen, sondern eine Hotline anrufen. Hier arbeitenHannah Kiesewetter, 28, Sozialpädagogin, und Jürgen Sominka, 62, Erzieher. Geht wochenends oder nachts ein Anruf ein, muss das Team entscheiden, ob ein Einsatz bis zum nächsten Werktag warten kann oder ob sie sofort aufbrechen zum Hausbesuch. Ein Foto von sich möchten die beiden nicht veröffentlicht sehen, aber Fragen beantworteten sie gern. Der SPIEGEL stellte sie ihnen, noch bevor der fürchterliche Fall des missbrauchten Jungen aus dem Breisgau bekannt wurde – und die Debatte um den Schutz der Kinder befeuerte.

SPIEGEL: Frau Kiesewetter, Herr Sominka, wer ruft bei Ihnen an?

Kiesewetter: Verwandte, Ex-Partner, Arbeitskollegen aus dem Umfeld der Familien. Sie kriegen mit, wenn kleine Kinder in verdreckten Wohnungen leben, Drogenbestecke herumliegen, Medikamente. Oder wenn Eltern ihr Kind hart anpacken.

SPIEGEL: Wie reagieren die Leute, wenn Sie vor der Tür stehen?

Sominka: Das löst massive Ängste aus. Die Leute sind sofort in der Defensive, man sieht sie im Geist ihren persönlichen Schuldkatalog durchblättern. Manche drohen mit dem Anwalt. Oder es schlägt sich in purer Aggression nieder.

Kiesewetter: Wenn wir Hinweise haben, dass es eskalieren könnte, bitten wir die Polizei um Unterstützung. Die bleibt dann erst mal vor der Tür.

SPIEGEL: Sie gehen immer zu zweit los?

Kiesewetter: Ja. Wenn hinterher Vorwürfe kommen, ist es gut, wenn noch jemand die Situation gesehen hat. Vor allem wenn wir entscheiden, dass wir das Kind mitnehmen. Das ist ja ein extremer Eingriff.

SPIEGEL: Was sind die häufigsten Gründe dafür?

Kiesewetter: Überforderte Mütter und Väter. Beziehungsstreitigkeiten. Sehr oft geht es um Vernachlässigung. Dass uns jemand ruft, weil Kinder geschlagen werden, kommt seltener vor.

SPIEGEL: Laut Bundesstatistik ist bei Kindern unter 14…

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Nr. 5/2018