Lesezeit 21 Min
Gesellschaft

„Du Seuche!“

Behinderte und nicht behinderte Schüler sollen gemeinsam unterrichtet werden – aber so, wie die Inklusion in Deutschland betrieben wird, muss sie scheitern: Sie überfordert die Lehrer, es leiden die Kinder.

JOANNA NOTTEBROCK / DER SPIEGEL
von
Rafaela von Bredow
,
Veronika Hackenbroch
und
Miriam Olbrisch
Lesezeit 21 Min
Gesellschaft

Die Kinder der 5b merkten schnell, dass Anton anders war als die anderen. Der Junge kam jeden Tag komplett in Grün in die Schule. Grüne Hose, grüner Pulli, grüne Strümpfe, Tag für Tag. Und Anton redete viel, sehr viel. Einmal, in Deutsch, eine ganze Stunde lang über Wespennester.

Anton, dessen Name geändert ist, war das erste Inklusionskind an einem Gymnasium in einer Kleinstadt nahe der Nordsee. Anders als die meisten Gymnasien, die sich der Inklusion, also dem gemeinsamen Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern, eher verschließen und höchstens mal einen Rollstuhlfahrer aufnehmen, fand man an dieser Schule, dass Inklusion eine gute Sache sei, und man wollte Anton eine Chance geben.

Doch wie man mit einem Kind umgeht, bei dem atypischer Autismus diagnostiziert worden ist, davon hatten sie wenig Ahnung. Ein Sonderpädagoge hätte das gewusst, aber an der Schule gab es keinen – mangels weiterer Förderkinder. Nur drei sogenannte Schulbegleiter im Wechsel, meist junge Männer ohne spezielle Ausbildung, sollten Anton bei allen Problemen helfen.

Bis kurz vor Schulbeginn machte sich dennoch niemand Sorgen, denn bei der Anmeldung hatten Antons Eltern der Schulleiterin versichert, ihr Sohn sei "ein ganz Lieber", lernwillig noch dazu. Wie extrem bei Förderkindern die Einschätzung der Eltern von der der Lehrer abweichen kann – und es in diesem Fall tat –, davon ahnte die Schulleiterin nichts.

So erfuhr sie erst wenige Tage vor den Sommerferien von der zuständigen Behörde, dass Anton in seinen vier Grundschuljahren schon an die 20 000 Euro Sachschaden angerichtet hatte, unter anderem bei einem Tobsuchtsanfall mit Baseballschläger im Lehrerzimmer. Wenn sie das früher gewusst hätte, wenn die Beteiligten alle rechtzeitig Klartext gesprochen hätten, da ist sich die Direktorin sicher, hätte sie die Lehrer der 5b rechtzeitig professionell vorbereiten können. Dann, sagt sie, hätte Antons Inklusion vielleicht gelingen können.

So jedoch gab es schon bald Anzeichen, dass die Sache schiefgehen könnte. In der zweiten Schulwoche rastete Anton zum ersten Mal richtig aus. Draußen auf dem Pausenhof, die Jungs spielten Fußball, riss er sich plötzlich von seinem Schulbegleiter los und vermöbelte einen Siebtklässler, bis dem das Blut aus der Nase strömte.

In einer gut funktionierenden Förderschule und genauso in einer Inklusionsschule mit langjähriger Erfahrung und guter Ausstattung hätte wohl spätestens jetzt der Alarm geschrillt. Ein Team aus Lehrern und Sozialpädagogen wäre zusammengetrommelt worden, um zu überlegen, wie man Anton am besten helfen könne, seine Wut unter Kontrolle zu bringen.

Vielleicht hätte er spezielle Therapien beginnen können, und wahrscheinlich hätte er eigene Pausenzeiten bekommen, weil das Gewusel auf dem Schulhof viele Autisten völlig überfordert.…

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Nr. 19/2017