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Wirtschaft

Per Du mit dem Chef

Die alte Befehlskultur hat ausgedient. Wenn die deutschen Unternehmen auch in Zukunft erfolgreich sein wollen, müssen sie sich wandeln. Vielen fällt das schwer.

GOETZ SCHLESER / DER SPIEGEL
von
Susanne Amann
,
Sven Böll
,
Dinah Deckstein
,
Markus Dettmer
,
Frank Dohmen
,
Martin Hesse
und
Armin Mahler
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Wirtschaft

Detlef Lohmann war Mitte dreißig, als ihm dämmerte, dass seine Karriere eigentlich vorbei war. Festgefahren irgendwo im Niemandsland des unteren Managements, mit einem Titel, aber nichts zu sagen.

"Ich war ein unbequemer Mitarbeiter", sagt der Diplomingenieur heute. Einer, der mit strengen Hierarchien nicht klarkam, der ständig Verbesserungsvorschläge machte, auch in Bereichen, die ihn formal nichts angingen. Dem irgendwann keiner mehr zuhörte, weil er die reibungslosen Befehlsketten störte. "Ich hätte weitermachen können wie viele andere Arbeitnehmer in einer ähnlichen Situation, ohne Angst um meinen Job, weil ich ja fachlich funktionierte, nur eben ohne persönliche Perspektive", sagt Lohmann.

Stattdessen löste Detlef Lohmann Ende der Neunzigerjahre sein Vermögen auf, nahm Kredite auf und kaufte sich Arbeit. Oder besser gesagt: Er kaufte 25,2 Prozent an Allsafe Jungfalk, einem kleinen mittelständischen Unternehmen in Engen am Bodensee. Mit einem Produkt, von dem er keine Ahnung hatte: Systemen für Ladegutsicherungen.

Lohmann sitzt in seinem unscheinbaren Büro, ein freundlicher Herr, der jünger wirkt als 57 Jahre, in Jeans und Blazer, mit einem Rotary-Abzeichen am Revers. "Ich wollte ein Unternehmen, das transparent und effizient ist", sagt Lohmann, "aber in dem jeder als Mensch wahrgenommen wird und eigenverantwortlich handeln kann."

Dafür löste er bei Allsafe Jungfalk in einem ersten Schritt alle vorhandenen Abteilungen auf. Aus den Abteilungsleitern wurden Experten, die "für die gute Laune im Team zuständig sind", einen Gutteil ihrer Arbeitszeit aber auch mit der Weiterbildung verbringen, das Wissen des Unternehmens mehren und an die Kollegen weitergeben sollen.

Die Mitarbeiter in der Produktion organisieren ihre Schichten selbst, Stechuhren und Arbeitszeiterfassung fehlen. Außerdem schaffte Lohmann das klassische Berichtswesen ab. Überall im Betrieb stehen stattdessen Wandtafeln mit allen Kennzahlen des Unternehmens. Die Gehälter der Mitarbeiter sind bekannt, über Investitionen entscheiden im Regelfall die Teams selbst.

Lohmann ist als Chef zuständig für "Strategie und Führung". "Es ist das, was ich am besten kann", sagt er, "vom Operativen verstehen die anderen mehr." Er führt, indem er…

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Nr. 14/2016