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Politik

Doppelschlag

Der türkische Einmarsch im Norden ist eine Zäsur im Konflikt. Er richtet sich auch gegen den "Islamischen Staat", die eigentlichen Verlierer sind aber die Kurden. Nun richten die großen Mächte ihre Allianzen neu aus.

DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
und
Christoph Reuter
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Politik

Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Tornado auslösen, so wird die Chaostheorie gern zusammengefasst. Und vielleicht ist sie mittlerweile wirklich am besten geeignet, die komplexe Lage in Syrien zu beschreiben. Der Flügelschlag, um im Bild zu bleiben, war Ende Juli die Entscheidung des syrischen Regimes, neue Stammesmilizionäre in einer abgelegenen Nordostprovinz zu rekrutieren. Der Tornado, den dies vier Wochen später auslöste, waren: der Einmarsch der türkischen Armee in Nordsyrien, die jähe Vertreibung des IS aus der Grenzstadt Dscharabulus – und US-Militärs, die sich über Nacht auf beiden Seiten einer neuen Front wiederfanden: der zwischen Kurden und Türken.

"Es ist 15.30 Uhr, wir stehen kurz vorm Stadtzentrum von Dscharabulus, hatten fast keine Verluste. Dabei sind wir erst heute Morgen über die Grenze gekommen!" Saif Abu Bakr, ein Kommandeur der Rebellengruppe "Hamza Division", klang am Mittwoch, als fasse er selbst nicht, was da gerade geschehen war: "Wir sind mit 20 Panzern und 100 Soldaten der Türken in Karkamış, dem Grenzort auf türkischer Seite, "losmarschiert, durch die Dörfer westlich der Stadt, dann nach Dscharabulus."

Fast drei Jahre nachdem der "Islamische Staat" (IS) die Grenzstadt erobert und die Köpfe seiner Gegner auf Zaunspitzen zur Schau gestellt hatte, endete der Spuk binnen Stunden. Dscharabulus war eine der letzten Bastionen der Dschihadisten an der türkischen Grenze. Sie hatten den Übergang lange unbehelligt…

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Nr. 35/2016