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Doktor Dope

Die Ära des weltweiten Haschischverbots geht zu Ende. Deutschland muss seine strikte Prohibition überdenken: Cannabis kann für viele Kranke ein wirksames Medikament sein – und für Erwachsene ein vergleichsweise ungefährliches Rauschmittel.

CHRISTOPHER J. MORRIS / DER SPIEGEL
von
Marco Evers
und
Laura Höflinger
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Frau Zeng spricht leise, fast flüsternd, mit starkem chinesischem Akzent. Wie lange denn die Schlafstörungen schon andauerten?

Ein paar Wochen vielleicht, sagt der Kunde. Frau Zeng fragt, ob er denn wirklich das Gefühl habe, Cannabis helfe ihm, leichter einzuschlafen?

"Allerdings", sagt er. Und schon tut die Heilpraktikerin das, was sie immer tut, ganz gleich, wie die Beschwerden lauten: Sie stellt ein Cannabisrezept aus.

Das Papier von Frau Zeng berechtigt zum sofortigen Bezug von "medizinischem Cannabis" in jeder Form, gleich hier in der Canna Clinic. Hinter der Theke stehen die Einmachgläser, gefüllt mit den dunkelgrünen Pflanzenballen: "B52", "Afghan Kush", "BC Bud". Auch Cannabiskekse werden offeriert, selbst Haschischhonig. Heute im Angebot: vorgedrehte Joints und Haschpralinen für jeweils zwei Dollar.

So geht es derzeit zu in Vancouver, Kanada. Wer die pseudomedizinische Befragung über sich ergehen lässt, kann hier so viel Cannabis kaufen, wie er will. Die Stadt zählt rund 600 000 Einwohner und mindestens 80 Fachgeschäfte für Hasch, von denen kein einziges nach kanadischem Recht legal ist.

Doch solange die Ladenbesitzer nicht an Minderjährige verkaufen, haben sie von der Polizei nichts zu befürchten. Diese untersteht dem Stadtrat, und der hat in einem Akt der Rebellion entschieden, dass sich Vancouvers Polizisten um Wichtigeres zu kümmern haben, um Heroin oder Crystal Meth beispielsweise, aber nicht mehr um Cannabis. Das ist aus und vorbei.

Etwas weiter südlich liegt die Grenze zu den USA – und wer von Vancouver nach Seattle fährt, 230 Kilometer, dem wird spätestens hier bewusst, dass er Zeuge eines historischen Wandels ist: Die Ära der globalen Prohibition von Cannabis geht zu Ende.

Denn der Weg nach Seattle ist gesäumt von Läden wie Healthy Living Center ("Für die BIODYNAMISCHE Cannabistherapie") oder Green-Theory ("vom ,Dope-Magazin' nominiert als bester Cannabishändler"). Seattle selbst hat neuerdings mehr Marihuanageschäfte als McDonald's-Filialen, und in Uncle Ike's Pot Shop, gleich neben einer Kirche gelegen, wird der Kiffer beraten von über einem Dutzend freundlichen Angestellten. Das Sortiment umfasst Cannabisprodukte zum Rauchen, Essen oder Trinken, stark berauschendes Kraut und mildes, Cannabiscremes und Cannabismassageöl.

Die Polizei greift nur ein, wenn jemand seinen Joint in der Öffentlichkeit ansteckt. Aber daheim oder bei Freunden darf jeder Erwachsene über 21 Jahren seit dem 8. Juli vorigen Jahres völlig legal Cannabis konsumieren im Bundesstaat Washington. Ähnliches gilt bereits in Colorado, Alaska, Washington, D. C., bald auch in Oregon, und kommendes Jahr gesellt sich aller Wahrscheinlichkeit nach Kalifornien dazu.

Dies sind die Vereinigten Staaten – das Land,…

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Nr. 25/2015