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Philosophie

„Dieses Saubuch“

Vor 150 Jahren ist es in Hamburg erschienen: „Das Kapital“. Ein wirkmächtiges Buch, eine Analyse des Systems, in dem wir leben. Ein Spaziergang durch den Kapitalismus, auf den Spuren von Karl Marx.

ACHIM LIEBSCH / DER SPIEGEL
von
Barbara Supp
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Philosophie

Die Mächtigen sind weg, aber die Parolen sind noch da, der G-20-Gipfel in Hamburg hat Spuren hinterlassen. "Smash capitalism" steht an einem Verteilerkasten. "Make capitalism history!" hat sich jemand an einem Hochbahnpfeiler gewünscht. Den Kapitalismus möge man bitte zerschlagen, man möge ihn abhaken, überwinden, für erledigt erklären.

Bis ins bürgerliche Hamburg-Eppendorf sind die Parolenschreiber vorgedrungen. Es kommt vor, dass vor so einer Parole eine Mutter mit Kind zu sehen ist, und das Kind, vielleicht achtjährig, will wissen, was Kapitalismus ist. Es ist nicht leicht. Sie steht längere Zeit da, sucht nach Sätzen.

Sie könnte sagen: Ich bin darin geboren und kenne nichts anderes, es fällt mir schwer, es zu erklären.

Sie könnte sagen: Das ist etwas, von dem man gut leben kann, also wir hier in Eppendorf jedenfalls.

Sie könnte sagen: Es gibt ein Buch, vor 150 Jahren ist es erschienen. Wenn du groß bist, kannst du es lesen. Da steht alles drin.

Der Sohn würde es vermutlich hassen, dieses Buch. Es fängt unlesbar an und wird über drei Unterkapitel wenig besser. Dann nimmt es Fahrt auf, und erst zum Schluss wird es richtig gut.

Seltsam, aber es ist nicht in Vergessenheit geraten. Es wird vielfach gewürdigt in diesem Herbst: Im September 1867 erschien in Hamburg "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie". Dieses Werk, das auf der Unesco-Liste als "Weltdokumentenerbe" zu finden ist. Dieses "Saubuch", wie Karl Marx es nannte, als er noch damit rang.

Es ist verfasst zu einer Zeit, da es zwar Eisenbahn, Fotografie (mit langer Belichtungszeit) und Telegramme gab, aber kein Telefon und keinen Kugelschreiber. Marx schrieb von Hand, mit Tinte – dabei aber auf eine so wissende Art und Weise, "dass man fast enttäuscht ist", meint der Hamburger Arbeits- und Technikgeschichtler Jürgen Bönig, "wenn man im Kapitel über ,Maschinerie und große Industrie' keinen Hinweis auf Elektro- oder Ottomotoren findet, weil es sie noch nicht gab".

Marx' Interesse gilt den Strukturen hinter dem Augenschein. Er will von der "Erscheinungsform" zum "Wesen der Dinge" durchdringen. Sucht die Mechanismen, die zu Neuerungen führen. Analysiert die Folgen – für die Besitzenden und die Besitzlosen, für die Art und Weise, wie sich die Gesellschaft organisiert.

Und so geht es im "Kapital" tatsächlich nicht nur um Schafzucht und Wollproduktion, um Spinnen, Weben und Teppichhandel zu Marx' Zeit. Es geht darin auch um die Finanzkrise in unseren Tagen, es geht um Digitalisierung, um Globalisierung, um Spekulationsblasen, um Oligopole wie in der Autoindustrie. Es geht auch um unsere Gesellschaft, und wenn in diesem Wahlkampf das große Ganze wichtig gewesen wäre statt Detailzänkereien (Elektroprämie, Burkaverbot), dann hätte guten Stoff in diesem Buch gefunden, wer danach sucht: Ungleichheit. Gerechtigkeit. Die Rolle von Politik und Ökonomie.

Es bietet sich an, auf eine Tour zu gehen, durch Hamburg und 150 Jahre Kapitalismus, als doppeltes Gedankenspiel: Wie sah der Kapitalismus aus, den Marx im Jahr 1867 vor sich sah? Wie erscheint der Kapitalismus von 2017, mit den Augen von Marx betrachtet – und mit denen seiner Deuter, seiner Kritiker?

Als Reiseleiter empfiehlt sich der Soziologe und Technikgeschichtler Bönig, der eben seine Recherchen herausgebracht hat über "Karl Marx in Hamburg", Untertitel: "Der Produktionsprozess des ,Kapital'"(1).

Es soll erkundet werden, wie dieses Buch die Wirklichkeit beeinflusst hat und die Wirklichkeit dieses Buch. Was kann ein Frauenarzt aus Hannover dafür, dass das "Kapital" so unleserlich beginnt? Warum wäre…

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Nr. 39/2017